Am 30. Juni 2010 erblickte „Aphrodite“ das Licht der Welt. Es war Kylie Minogues elftes Studioalbum und vielleicht bis heute das letzte große Album, das sowohl Fans, als auch Kritiker, einstimmig begeistern konnte. 10 Jahre später besuche ich in der Reihe „Revisit“ das Album noch einmal.

Nachdem Kylie Minogue ihr Album „X“ intensiv promotete und eine ausgedehnte Tour machte, verschwendete sie keine Zeit und arbeitete direkt an ihrem elftes Studioalbum Anfang 2009. Es war ihr Kumpel Jake Shears von den Scissor Sisters, der Stuart Price empfahl, um ein Dance-Pop-Album zu machen. Price hatte zuvor mit den Scissor Sisters, sowie Gwen Stefani zusammengearbeitet. Er war jedoch vor allem für seine Koproduktion von Madonnas Hit-Album „Confessions On A Dancefloor“ bekannt.

2009 gingen die Aufnahmen los

Die Aufnahmen begannen im April 2009 und dauerten bis ins Frühjahr 2010. Der damals bei weitem noch nicht so bekannte Calvin Harris, der auch schon an „In My Arms“ beteiligt war, sowie Pascal Gabriel („Your Love“) und die britische Singer-Songwriterin Nerina Pallot nahmen ebenfalls teil. In dieser Zeit wurden rund zwanzig Songs aufgenommen, von denen zwölf den endgültigen Cut machten. Am 11. Juni 2010 erschien dann die erste Single des Albums: „All The Lovers“.

Die Singles

„All The Lovers“ wurde zunächst gar nicht als große Hymne wahrgenommen und war alles andere, als ein Club-Hit. Kritiker beschrieben den Song dennoch als eine der besten Singles, die Kylie je veröffentlicht hat. Neben dem damals herrschenden David Guetta Sound, dem sich Pop-Größen wie Rihanna oder Kelly Rowland hingaben, wirkte die erste Kylie Single sehr zurückgelehnt. Die wahre Magie entfaltete „All The Lovers“ erst kurze Zeit später. Heute ist es eine absolute LGBTQ+ Hymne, die Menschen zusammen bringt. Geschrieben wurde der Song von Jim Eliot und Mima Stilwell, die auch „2 Hearts“ geschrieben haben. Im Sommer 2010 sorgte vor allem das atemberaubende Video mit einem Berg voller nackter Körper für Aufsehen. Der Song landete auf Platz 3 in Großbritannien und wurde dort mit Gold ausgezeichnet, ihrem größten Verkauf seit „Can’t Get You Out Of My Head“. Es erreichte die Top 10 in mehr als einem Dutzend Ländern weltweit.

Die zweite Single aus dem Album war „Get Outta My Way“. Weitaus clubbiger, als „All The Lovers“ und bis heute eines meiner absoluten Kylie Favoriten. Die Produktion stammt von Mich Hedin Hansen alias Cutfather und und ist sowohl episch, man beachte das Intro, wie auch tanzbar. Das Musikvideo wurde im September veröffentlicht. Der Song etablierte sich schnell als Tanzklassiker, der im Herbst die Charts stürmte. Es reichte immerhin für Platz 12 in Großbritannien und führte erneut die US-Dance-Hot-Play-Charts an. Leider spiegelte sich dies ausgerechnet in Australien nicht wider. Hier landete der Song nur auf Platz 69, ihre niedrigste Chartposition, die dort jemals erreicht wurde. Trotzdem hat sich „Get Outta My Way“ seitdem zu einem ihrer meistgestreamten Tracks entwickelt.

Ein Album voller potentieller Hits

Die dritte Single brachte uns dorthin zurück, wo das Album begann. Im Jahr 2009 hatte Kylie Sessions mit der Songwriterin Nerina Pallot. Dort entstand „Better Than Today“. Trotz Musikvideo, welches Kylie selbst gedreht hatte, ging der Song komplett unter. Die Musikindustrie veränderte sich ab 2010 stark und der Sound erregte anscheinend nicht den erwünschten Effekt bei den Fans. Kein Wunder, wenn man sich einmal die großen Werke an wuchtigen Dance-Songs auf „Aphrodite“ anschaut. Die Songs „“Put Your Hands Up (If You Feel Love)“, „Too Much“, „Cupid Boy“ und „Looking for an Angel“ hatten absolutes Hit-Potenzial. Nicht zu vergessen „Can’t Beat the Feeling“, welches eine Art 2010er „Love At First Sight“ hätte werden können. Kylie Minogue hätte mit der richtigen Single-Auswahl sicherlich bis zu sechs Singles aus „Aphrodite“ veröffentlichen können. Leider war es das aber nach drei Singles auch schon.

„Aphrodite“ wurde runder, durch die atemberaubende Tour

Einen großen Schwung bekam das Album vor allem durch die danach folgende und für mich bis heute atemberaubendste Kylie Tournee: „Aphrodite: Les Folies Tour“. Das Bühnenbild sollte dem Inhalt des Albums entsprechen und so sorgte vor allem die aufwändige Wasserproduktion, die in kleineren Venues entfernt wurde, für Aufsehen. In diesen Fällen wurde die Show als „Aphrodite Live“ beworben. „Aphrodite: Les Folies Tour“ war eine Hommage an die griechische Mythologie und Kultur. Kylie baute tatsächlich alle 12 Songs des Album in die Tour Setlist ein, was ungewöhnlich war. Dadurch bekam das Album für viele Fans einen neuen visuellen Zugang und auch durch die Tour DVD gibt es zumindest zu jedem Song einen Live Auftritt.

Die Tour zeigte aber vor allem auf, was dem Studioalbum „Aphrodite“ fehlte. Das Album war prädestiniert für Intros, Interludes und Übergänge. Es war zwar ein Konzept Album, aber es spiegelte sich weniger „Aphrodite“ als Konzept durch, als vielmehr das Konzept eines Dance-Pop-Albums. Das Opening der Tour, mit dem epischen Intro und dem Übergang in den Titelsong „Aphrodite“ des Albums, sind ein Meisterwerk und zeigen ganz klar, dass genau diese Elemente gefehlt haben, um aus dem Album mehr als nur ein Album zu machen.

Ein Denkmal für den Dancefloor

Mit „Aphrodite“ hat sich Kylie Minogue ein Denkmal gesetzt. Keines ihrer nachfolgenden Album, konnte es diesem Dance-Meisterwerk gleichtun. Kein Kylie Minogue Album hatte je so viele potentielle Singles und kein Kylie Minogue Album hatte ein so passendes Konzept, wie dieses. Heute ist „Aphrodite“ tatsächlich das, was „Confessions On A Dancefloor“ für Madonna ist. Ein letzter Beweis, dass man zu einer gewissen Zeit eine Ikone auf seinem Gebiet war. Es Markiert den Zenit nach „Can´t Get You Out Of My Head“, vielleicht markiert es das letzte Hoch ihrer Karriere. Und dennoch verbleiben alle Fans hoffnungsvoll, wartend auf ein nur ansatzweise ähnliches neues Album. Ob das passieren wird? Wir werden es sehen. Bis dahin versüße ich mir den Sommer 2020 mit einem schön gereiftem „Aphrodite“. / Berry

Foto: William Baker / Darenote / EMI