LOS ANGELES – MARCH 14: Model Heidi Klum arrives for the 2019 iHeartRadio Music Awards at the Microsoft Theater on March 14, 2019 in Los Angeles, California. (Photo by Glenn Francis/Pacific Pro Digital Photography)

Heidi Klum, Bill Kaulitz und Conchita Wurst stecken 10 Drag Queens in eine Villa und stellen diesen jede Woche eine Aufgabe, bis wir die „Queen of Drags“ gefunden haben. Was sich Viele als deutsches Format der US-Show „RuPaul´s Drag Race“ schon lange gewünscht haben, wird nun besonders in der LGBT+ Community stark kritisiert.

Lange war der Wunsch nach einem Format, wie „RuPaul´s Drag Race“, da. Doch die neue Show „Queen of Drags“ soll kein Abklatsch des RuPaul Originals werden, auch wenn das Prinzip das selbe ist: Drag Queens nehmen an einer Castingshow teil und kämpfen sich Woche für Woche weiter, bis der Sieger feststeht. Praktisch „Germany´s Next Top Model“ für Drag Queens und da kommt auch schon der große Kern des Problems: Heidi Klum!

Bitte nicht die Klum!

Viele in der LGBT+ Szene regen sich über die Tatsache auf, dass ausgerechnet Frau Klum, mit allem wofür sie steht, das wohl bekannteste Gesicht der Show sein wird. Der Sender Pro7 hat ihr Tokio Hotel Frontmann Bill Kaulitz und Conchita Wurst an die Seite gestellt und stellt in einem Statement klar, dass alle drei gleichgestellt sind, anders als bei GNTM. Doch egal, wie man es dreht und wendet, das Konzept „RuPaul´s Drag Race“ in Deutschland hatte von Anfang an aus mehreren Gründen keine Chance.

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Das größte Problem scheint Heidi Klum für Viele darzustellen. Doch es gibt ein weiteres Problem, wenn man mal Klum & Co. ausblendet. Nämlich die Vorlage und damit RuPaul selbst. Wie soll man ein so personalisiertes Format, was von RuPaul als Drag-Superstar lebt, ohne RuPaul umsetzten? Genau so wenig Chancen hätte sicherlich GNTM mit einer Heidi-Nachfolgerin. Nämlich keine! RuPaul ist im Grunde die Mutter der Drag Queens, was das Format extrem authentisch macht. Ihre Musik, Fernsehshows, Kunst und politischen Botschaften haben viel für die Szene getan und prägen diese. Das alles fehlt natürlich, wenn drei Personen eine Drag Queen suchen, die selbst keine sind.

Die Moderatoren von „The Voice“ können auch nicht singen

Sofern Heidi Klum als Moderatorin fungiert, muss man ihr zugute halten, dass ein Host solch einer Show nicht unbedingt etwas mit dem Medium der Show zu tun haben muss. Kein Moderator von „The Voice“, „DSDS“, „Popstars“ usw. war selber Sänger oder konnte singen. Dann muss Heidi auch nicht queer, drag oder homosexuell sein. Doch genau das wird ihr aus vielen Ecken der LGBT+ Szene an den Kopf geworfen. Auch ihr Umgang mit den Kandidatinnen in ihrer Show „GNTM“ und die Tatsache, dass Heidi kaum Berührungspunkte mit der LGBT+ Szene hat. „RuPaul’s Drag Race“ ist nunmal ein Format, das von queeren Menschen für queere Menschen gemacht wird. Hier geht es um Talent und die Drag als Kunstform und nicht als skurriles Werk von komischen Männern, die ihre Perversion in Frauenkleider ausleben.

Pro 7 hat jetzt eine große Verantwortung gegenüber der Drag Kultur übernommen

Tatsächlich besteht die Angst, dass „Queen of Drags“ am Ende eine Art Freakshow wird, bei der sich vor allem ganz Hetero-Deutschland über Drag Queens lustig macht. Wie wichtig aber Aufklärung in diesem Bereich ist, zeigen jetzt schon Mainstream Medien, die über die Show berichten. Das Sat.1 Frühstücksfernsehen spricht z.B. über eine „Castingshow für Transvestiten“ und bezeichnen Conchita Wurst als „Drag Queen“. Autsch! Daran merkt man, wie sensibel das Thema ist und da muss „Queen of Drags“ extrem aufpassen, nicht in die berühmten Fettnäpfchen zu treten und hat vor allem eine Verantwortung gegenüber der langjährigen Drag Kultur!

Der Schmerz sitzt tief

Es ist immer schwer, wenn etwas aus einer Nische oder dem Untergrund in den Mainstream gebracht wird. „Drag Race“ war immer genau das. Die Leute die es gemacht haben, waren auch die, die es konsumiert haben. Sie haben es in ersten Linie innerhalb ihrer eigenen Szene bekannt gemacht. „Drag Race“ fing als Nische und sehr kleines Format an. Keiner hätte gedacht, dass es jemals 11 Staffeln geben und Preise für das Format regnen wird. Dennoch hat man trotz steigender Zuschauerzahlen in den USA das Gefühl, dass das Format in erster Linie auf die eigene Szene zugeschnitten ist. Dem Hetero-Zuschauer, der keine Ahnung von Drag hat, wird nichts erklärt. Man muss es so fressen, wie es ist: Echt und ehrlich!

IN DIESEN MUSIKVIDEOS WAR HEIDI KLUM VERTRETEN

Nun bringt ausgerechnet Pro 7 dieses Format in einer „Abwandlung“ in den Mainstream. Eine Chance, von der LGBT+ Community gefeiert zu werden, hatte man von Anfang an nicht, denn vor allem viele Drag Queens haben das Gefühl beraubt worden zu sein. Als hätte der Sender etwas von dir genommen, abgewandelt und es als eigene Idee verkauft. Die Gefahr, dass Pro 7 mit der Sendung den Ruf von Drag Queens hierzulande beim breiten Volk zerstört ist real, aber auch die Chance, dass Drag Queens hier eine Plattform und Erfolgschance bekommen, die ihnen schon lange zusteht. Es ist ein schmaler Grad und die Jury macht es nicht leichter.

Vor allem die Reaktionen in der Szene spalten sich. Neben vielen Befürwortern der Sendung gibt es vor allem viel Hass von prominenten Drag Queens. Oder ist es am Ende Neid? Ich habe in den letzten Wochen vor allem das Gefühl bekommen, dass diejenigen am lautesten und unsachlichsten schreien, die genau in dieses Format gepasst hätten. Ist also jede größere Deutsche LGBT+ Persönlichkeit gegen diese Sendung, weil sie darin selbst nicht stattfindet? Weil man ihr Ding ohne sie abzieht und das vor dem ganzen Land? Olivia Jones wurde genau das vorgeworfen. Sie hätte sich nur positive zum Format geäußert, weil sie selbst dabei sein wird. Auf der anderen Seite gibt es aber die, die beruflich nichts damit zu tun haben und gegen das sind, was Heidi Klum verkörpert.

Frau Klum ist nur ein Platzhalter

Eine Sache ist aber klar: Es ist nicht nur Heidi Klum selbst, die das Problem ist. Sie nimmt nur symbolisch den Platz für ein Format ein, das von Anfang an keine Chance hatte. Es sei denn, RuPaul selbst hätte es gemacht. Egal was Heidi Klum verkörpert oder nicht, hätte kaum jemand wirklich eine Chance. Es geht bei vielen bekannten LGBT+ Persönlichkeiten um mehr. Es geht um Futterneid, verpasste Chancen, die Angst von anderen eingeholt zu werden. Es geht darum, dass man die Kontrolle über seinen eigenen Beruf, Kunstform oder Szene verliert, weil das Bild, das die breite Massen in Zukunft über dich als Drag haben wird, in die Hand von anderen gelegt wurde. Das können und wollen viele nicht akzeptieren und schießen gegen Klum. Ich bin mir sicher, hätte Olivia Jones diesen Platz eingenommen, hätten sich genau so viele Drags aufgeregt.

SO WITZIG REAGIEREN ÄLTERE GENERATIONEN AUF SZENEN AUS RUPAUL´S DRAG RACE

Meckern können wir alle, wenn die erste Folge ausgestrahlt wurde und der Sender es vermasselt hat. Vor allem die Rolle von Heidi Klum interessiert mich sehr. Wird sie über Drag Queens urteilen in gleichen Maße, wie in ihrer Sendung. Das wäre sicherlich mehr als unglaubwürdig. Dennoch sollten vorab viele in der LGBT+ Szene das Tempo vom Hass-Gas nehmen und anderen erstmal eine Chance geben, egal was für Vorurteile sie dieser Person gegenüber haben. „Queen of Drags“ ist eine Chance und bei jeder Chance ist das Verhältnis nunmal 50/50. Man muss es probieren, um zu wissen, ob es geklappt hätte. Somit versuche ich so lange neutral zu bleiben, bis die erste Folge da ist und es wäre schön, wenn wir das alle tun würden / Berry

Bild: Heidi Klum by Glenn Francis / Toglenn [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons