Die Band MIA. hält sich nun seit vielen Jahren erfolgreich in der deutschen Musikbranche und ist derzeitig auf großer Deutschlandtour. Wir haben Frontfrau Mieze zum persönlichen Gespräch getroffen und mit ihr über die Musikbranche, das neue Album „Biste Mode“ und Homophobie gesprochen. 

Mia - CMS Source

Mieze und ich treffen uns im Backstage vom Docks, der Konzerthalle, in der MIA. heute Abend spielen werden. Sie kommen grade aus Berlin, wo sie einen Tag zuvor im Rahmen der „United States of Ich & Du“-Tour gespielt haben. Man merkt, das Tourleben ist kein Leichtes. Dennoch steht Mieze mir frisch und gut gelaunt Rede und Antwort. Es soll um kritische Themen gehen. Wie steht die Band zu Homophobie und wie geht Mieze mit der Kritik an ihrer Teilnahme als Jury Mitglied von „Deutschland sucht den Superstar“ um?  

Lass uns mit den Anfängen von MIA. beginnen. Euer erstes Album „Hieb&StichFest“ ist immer noch eines meiner Lieblingsalben. Wie war diese Zeit rückblickend für euch?

Es war damals gefühlt etwas besonderes und es ist auch immer noch etwas besonderes, weil wir damals als erste Band seit Jahren deutsch getextet haben und vor allem selbst getextet haben. Das war zu der Zeit eigentlich nicht üblich selbst zu komponieren und selbst texte zu schrieben oder generell als Band sein Ding zu machen. Wir waren ja noch so jung und ich erinnere mich daran, dass sehr viele Firmen und sehr viele Leute damals gesagt haben: „Also ne, das wird nix“. Es hieß, die Leute hätten kein Ohr und keine Geduld für deutsche Texte und das wäre überhaupt auch gar nicht zeitgemäß. Ich freue mich 17 Jahre nach der Gründung von MIA. auf so viele Künstler verweisen zu können, die das Gegenteil bewiesen haben. Ich würde schon sagen, dass „Hieb&StichFest“ seinen Teil beigetragen hat den Weg für Bands wie „Wir sind Helden“, „Juli“ oder „Silbermond“ zu öffnen. Die Fantastischen Vier gibt es zwar noch länger, aber das was die im Hip Hop mit deutschen Texte damals gemacht haben, haben wir alle für die Pop Musik gemacht.

Ich erinnere mich daran, dass ich ganz klein war als „Die Da“ von den Fantastischen Vier das erste Mal im Radio lief. Das war krank. Man kannte deutsche Texte damals nur vom Hörspiel.

Mir ging es da ganz so wie dir. Eine tolle Entwicklung der deutschsprachigen Musik.

Erinnerst du dich an das allerste Konzert in Hamburg in der Tanzhalle? Ich war da. Das war 2002.

Ja, dieses Konzert in der Tanzhalle war das erste in Hamburg. Ich war ganz krank an dem Abend und habe total rumgerotzt auf der Bühne. Aber danach war ich wie geheilt. Es war alles weg. Ich konnte zwar nicht mehr sprechen, aber wieder atmen – lach.

Alles ausgeschwitzt, würde ich sagen. Ich habe eh das Gefühl, dass mit der neuen EP „Nein, Nein, Nein“ ihr vom Sound her wieder zurück zu der ersten Platte geht. Wie siehst du das?

Dadurch, dass ich sowieso permanent alle Platten parat haben, weil wir eigentlich immer live spielen, begleiten uns diese alten Stücke wie „Alles Neu“ oder „Machtspiele“ schon so lange Zeit. Somit würde ich nicht sagen, dass es ein neues Anknüpfen ist, sondern eher ein Teil unserer Energie. Mal ist uns das wichtiger und dann kommt wieder etwas anderes was uns mehr gefällt, aber es strömt ganz natürlich nach vorne. Es ist weder kalkuliert noch manipuliert, weil wir so nicht sind. Vor allem ich, ich bin total intuitiv, ich bin nur Gefühl, nur emotional und kann nur den Text schreiben, den ich gerade fühle. Aber ich bin nicht berechnend und sage „Oh, wir hatten eine schmuse Platte, also machen wir jetzt etwas Härteres“. Das sind Flüsse, die ganz natürlich nebenher fließen und in der Tour immer das große Ganze ergeben.

Das ist interessant. Würdest du sagen, dass dieses mit dem Business-Teil des Musikmarktes kollidiert? Immerhin trifft hier ja Kunst ständig auf Geschäft.

Den Druck hast du nicht nur von der Firma. Den gibt es vom Label und auch vom Publikum. Wir spüren diesen Druck immer. Auch verglichen zu werden mit anderen Bands oder auch gemessen zu werden an Liedern und Erfolgen, die man gefeiert hat. Ich glaube, das ist auch eine Kunst, immer wieder zu sich zurück zu finden. Ich bin halt überhaupt kein Marketing-Mensch. Ich finde auch wie du, dass Kunst und Business ständig kollidieren und trotzdem muss ich sagen, dass die Firma mit uns den Weg ja mitgegangen ist. Jetzt aktuell z.B. haben wir gesagt, dass wir dann und dann mit einem Album kommen. Dann haben wir gesagt, dass das Album leider doch nicht fertig ist, aber wir haben hier ein Lied und ein Video, was wir sehr gerne machen würden. Und da muss man anerkennen, dass die Firma uns machen lassen hat.

Heutzutage wird ja alles verheizt. Für mich steht eine Band wie MIA. immer etwas zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite geht es darum „echt“ zu sein, auf der anderen Seite seid ihr immer gerne für die „unechten“ Sachen zu haben. Ich denke da an eurer Teilnahme zum ESC Vorentscheid oder deiner Teilnahem bei DSDS als Jury-Mitglied. Wie findet man da die goldene Mitte?

Wir sind beides. Wir sind Mainstream und Underground. Dem Mainstream sind wir manchmal zu undergroundig und umgekehrt. Aber Schubladen sind ok. Schubladen sind dazu da, reingesteckt zu werden und wieder rausgeholt zu werden, um in die nächste Schublade gesteckt zu werden.  Das muss man total entspannt sehen.

Das Verheizen ist eine Entwicklung, die ich weltweit sehe. Wir hatten gerade die größte Bankenkriese der Welt. Es wird manchmal zehn bis zwanzig Jahre um Geld gestritten in unserer Kultur und da wurden plötzlich 180 Milliarden Euro innerhalb von einem halben Jahr bewilligt und waren dann da, obwohl auch Banken von erwachsenen Menschen betrieben werden, die sich verkalkuliert haben. Die Werte haben sich verschoben. Was ist was wert? Grade in der Musik sollte man versuchen, den Wert zu vermitteln. Nicht jeder Song ist auf Knopfdruck entstanden. Da stecken viele Zweifel drin, es braucht viel Zeit und da haben viele Menschen dran gearbeitet. Ich denke da an jedes Kabel, das man kauft, damit das Keyboard funktioniert oder ein Mikrofon wird nur laut, wenn es Strom hat usw. Ich glaube nicht, dass dies den Menschen, die Musik konsumieren, bewusst ist. Die wissen auch nicht, dass wir morgens schon um acht in den Club einfallen. Die denken, wir kommen zehn Minuten vor Showtime…

…mit Champagner in der Hand.

Genau. Dieser Slogan „Geiz ist Geil“ ist eine Mentalität geworden. Da kann nur jeder für sich selbst überprüfen, in wie fern ihn das glücklich macht. Dadurch, dass ich so nah dran bin an der Sache, achte ich vermehrt auf Werte und was ich konsumiere und was nicht. Das ist die einzige Möglichkeit, wie ich Macht ausüben kann. Ich, als Verbraucher, habe Macht. Die Macht geht über meinen Einkaufskorb. Das ist Vielen nicht bewusst. Man hat z.B. als Künstler schon beinahe Angst und Bedenken, für sein eigenes Produkt Werbung zu machen, weil es sich durchgestellt hat, dass man das nicht macht als Künstler. Jeder Blumenverkäufer bewirbt sein Geschäft. Ich finde es gemein und schade, dass es mir so peinlich ist zu sagen, dass wir eine neue EP haben, eine Tour usw. Wir machen jedes Plakat selber, wir machen jedes Artwork, einfach alles und dann darf man nicht drüber sprechen ohne, dass die Leute sagen: „Guck mal, jetzt dreht sie aber ab“.

Ich kenne das als Dj und Veranstalter nur zu gut. Ich bin besser darin, andere zu bewerben, als mich selber, weil ich glaube, dass die Leute nicht verstehen, dass man den Wert einer Sache bewerben will. Die denken eher: „Warum soll ich dem seine Taschen voll machen mit meinem Geld?“.

Genau so ist das und ich glaube wir können das ändern, indem wir anders damit umgehen und offen drüber reden. Erstmal ist dir das nur peinlich. Du reflektierst ja so schnell gar nicht. Dass ich jetzt so mit dir darüber rede, ist auch eine Entwicklung. Das braucht auch Zeit, das so zu reflektieren.

Wie waren denn deine Erfahrungen bei DSDS? War die Kritik an deiner Teilnahme enorm?

Ich bin ja nun auch über die Jahre kritikerprobt und wichtig ist, dass ich am Ende meines Lebens sagen kann, dass ich die Dinge, auf die ich neugierig war, auch gemacht habe. Ich habe mich für Trash-TV vermehrt interessiert. Ich habe alles geguckt. Von „Die Alm“ bis zu den „Topmodels“. Für mich war das ein logischer Schritt vom Sofa in die erste Reihe zu gehen und mal hinter die Kulissen zu schauen. Mich interessieren Musikplattformen im Fernsehen und zu der Zeit gab es bis auf DSDS nichts anderes, was grade in den Startlöchern stand. Ich wünsche mir, dass da jetzt bald neue Formate kommen. Ich fand z.B. „Sing meinen Song“ sehr gut. Ich wollte bei DSDS wissen, wie so etwas abläuft und wer da das Sagen hat und dann erfährt man z.B., dass auch die verrückten Teilnehmer schon bei zwei Vorcastings waren, bevor sie auf uns treffen. Alle Produzenten wissen also schon, wer da verrücktes kommt und die freuen sich dann auch schon richtig drauf in der Redaktion. Also ein kalkuliertes Chaos. 

MIA. singt ja immer viel über die Liebe und Toleranz. Für uns als schwul/lesbisches Magazin sind diese Themen besonders brisant. Wie ist eure Verbindung zur Queer-Community?

Ich finde es schade, dass man von einer eigenen Szene sprechen muss, weil Liebe ist Liebe und Liebe ist dazu da, geteilt zu werden. Ich kann Homophobie nicht verstehen. Ich kann es einfach nicht verstehen! Wie kann man einen Menschen Liebe verbieten? So lange Liebe im gegenseitigem Einvernehmen stattfindet, sag ich doch ein Hoch auf die Sexualität. Das hat was mit der Liebe zum Leben zu tun. Gleichberechtigung in der Liebe ist unser Thema. Da werde ich mit wehenden Fahnen immer für stehen und es immer verteidigen. Freiheit für die Liebe! Ich kann absolut nicht verstehen, wie man etwas gegen Homosexualität in jeglicher Form haben kann. Es konnte mir bis heute niemand nachvollziehend erklären, warum man etwas dagegen haben muss.

Sind dann Gigs in schwulen Clubs oder Festivals auch so etwas wie ein Statement? Mehr als nur ein Gig? 

Na, erst recht. Ich finde es, wie gesagt, schade, dass man überhaupt sagen muss, dass so ein Auftritt ein Statement ist. MIA. ist dafür da, die Leute stark, kräftig und mutig zu machen. Sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Sie eher in ihren Träumen zu bestätigen und so auch eben auf solchen Events. Auf jeden Fall sind wir da, wenn man uns braucht. Benutzt uns als Sprachrohr, schreibt unsere Slogans überall hin!

Mieze, zum Ende möchte ich natürlich wissen, worum es auf der neuen Platte „Biste Mode“ geht? 

Ich liebe das neue Album jetzt schon, weil es eine Suche und Zerrissenheit thematisiert, aber eben auch die Kraft der Liebe. Es ist so nah dran am Leben. Ich bin so verliebt und ich glaube, dass man das dem Album anhört und ich eine neue Mitte habe von der ich aus agiere. Es fühlt sich so an, als hätte ich mehr Kraft. 

Mieze, ich danke dir vielmals für das nette Interview.  

Mieze (MIA.) & Dj Berry E.

Mieze (MIA.) & Dj Berry E. im Interview

Titelbild: Universal Music

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Wir verlosen Tickets für die MIA. „Biste Mode“-Konzerte am 18.10. in Krefeld und 04.11 in Hamburg.
Schicke uns dazu bis Freitag den 09.10.2015 um 15 Uhr eine Mail an win@hollywoodtramp.de mit dem Betreff „MIA“ und deiner Stadt (Krefeld oder Hamburg). Die Gewinner werden direkt nach dem Ende per Los gezogen und per Mail informiert.  Viel Glück!