Schwule Männer sind in den Medien oftmals weiblich, schrill, bunt, überdreht und eindeutig alles, nur nicht heterosexuell. Anscheinend muss das so, denn der Homo muss vom Hetero eindeutig zu unterscheiden sein, um die Gesellschaft nicht zu überfordern.

2019 war ein grandioses Jahr für den schwulen Mann in den deutschen Medien. Sarah Connors „Vincent“ sprengte die Charts und löste eine Debatte aus, TV-Formate wie „Queen of Drags“ und „Prince Charming“ brachten den schwulen Mann als Home-Entertainment in die Deutschen Wohnzimmer und generell haben Themen wie sexuelle Orientierung, Transsexualität und Homosexualität in den Mainstream Medien viel mehr Sendeplatz bekommen, als je zuvor.

Wenn die „Perversen“ durch die Mattscheibe ins eigene Wohnzimmer kommen

Solche Formate prägen natürlich das Bild des schwulen Mannes in der Öffentlichkeit und das vor allem dort, wo man kaum Berührungspunkte mit Homosexuellen hat. Ich rede hier nicht von den Menschen, die in einer Großstadt leben, offen sind und selbst einen LGBTQ-Freundeskreis haben oder durch Menschen in ihrer Familie mit dem Thema vertraut sind. Es geht um die Menschen, bei denen sich das Thema Homosexualität auf eine vertaubte Elton John CD im Regal beschränkt. Menschen, die diese Sendungen erreichen, die aber im realen Leben noch nie ein schwules Pärchen Hand in Hand über die Straße haben gehen sehen.

Nun saßen Gabi und Hubert an einem Donnerstagabend in ihrem Haus in Klein Satspe und sehen auf Pro7 Heidi Klum, wie sie Frauen und ihre Leistungen bewertet. Doch halt, irgendwas ist hier anders. Diese Frauen sind gar keine Frauen, es sind Männer. Und wer ist diese bärtige Frau neben der Klum und was sucht der eine von Tokio Hotel da? Verwirrung. Dass ein Format wie „Queen of Drags“ dem normalen Deutschen Free-TV-Zuschauer viel zumutet, zeigt natürlich, wie Fremd die LGBTQ Szene der breiten Masse noch ist. Männer in Frauenklamotten: „Perverse!“, würde Hubert sagen. Dass Drag eine Kunst mit langer Geschichte ist, haben beide noch nie gehört. „Der Kerkeling war doch auch schwul, aber hat sich nicht so pervers als Frau gegeben“, würde Hubert sagen.

Der Schwule muss schrill sein!

Wenn der schwule Mann in alle Haushalte des Landen einmarschieren will, muss er wohl bestimmte Auflagen erfüllen, um heterosexuelle Bürger nicht zu sehr zu provozieren. „Queen of Drags“ war sicherlich eine Ausnahme und ist hier viele Schritte weiter gegangen, als andere Formate. Doch der ausbleibende große Erfolg der Sendung, ist ein Beweis für meine Theorie. Mir ist aufgefallen, dass es in den Medien eine Form für den schwulen Mann geben muss. Wenn man sich die schwulen Männer im Fernsehen anschaut, sind sie meist weiblich, schrill, bunt, überdreht und eindeutig alles, nur nicht heterosexuell.

Ich habe das Gefühl, dass der schwule Mann in der Öffentlichkeit nur dann erfolgreich funktionieren kann, wenn er dem heterosexuellen Mann nicht zu gefährlich wird. Er darf das Alphatier – dem Mann – nicht in seinem Dasein in Frage stellen. Stellen wir uns einmal vor, was es für einen Supergau bei heterosexuellen Männern geben würde, wenn ein schwuler Mann „männlicher“ in seinem Erscheinungsbild wäre, als der heterosexuelle Mann? Dazu muss man sich nur einmal verdeutlichen, wie Männer in der Geschichte der Menschheit Frauen unterdrückt haben und es immer noch tun.

Das Alphatier „Hetero-Mann“ darf nicht in Frage gestellt werden.

Der homosexuelle Mann, der in allem, was in der Gesellschaft als „männlich“ gilt, dem heterosexuellen Mann in nichts nachsteht, ist eine ernstzunehmende Gefahr für das Ansehen des heterosexuellen Mannes. Denn der Schwule bringt Komponenten mit, die dem Hetero fehlen, um dem weiblichen Geschlecht zu gefallen. Stellen wir uns folgendes vor: ein schwuler Mann, der noch breiter, größer und muskulöser ist, als der Hetero und in seiner Art eben nicht tuntig ist und sich nicht vom Hetero unterscheidet, stellt den heterosexuellen Mann in Frage. Was ist Männlichkeit, wenn der Schwule wie ich ist? Hinzu kommt, dass der schwule Mann die Frauen besser zu verstehen scheint, mit deiner Freundin alles das macht, worauf du keine Lust hast usw. Plötzlich wird der schwule Mann für den Hetero zu dem vermeintlich perfekten Mann für die Frau und diesen kann sie nicht einmal haben. Er ist unerreichbar. Ich glaube, das ist der Punkt an dem der Konflikt entsteht. Nämlich immer dann, wenn sich der heterosexuelle Mann in seiner Männlichkeit bedroht fühlt. Selbst, wenn das nur auf Vorurteile und einem rein subjektivem Empfinden des Mannes beruht.

Die „Tunte“ ist für jeden Trottel gut abzugrenzen

Die breite Masse scheint den homosexuellen Mann nur dann akzeptieren zu wollen, wenn er dem Bild des Heteros nicht zu nahe kommt. Dafür gibt es viele Beispiele in den Medien. Conchita Wurst hat super funktioniert, als sie stets die Rolle der bärtigen Lady spielte. Als sie dies ablegte und in ihrem Musikvideos maskulin mit Muskeln und kurzem Haaren erschien (das sind eben Merkmale, die unsere Gesellschaft als maskulin ansieht), schreckte das viele Menschen ab und es waren sicherlich nicht die LGBTQ+ Fans, die ihr den Rücken zukehrten. Plötzlich war der Mainstream verwirrt. Ist Conchita nun „Er“ und keine „Sie“ mehr? Er hat doch jetzt kurze Haare. Was ist „Es“ denn nun?

Von Serien wie damals „Sex In The City“ bis hin zu Tv Shows. Sehr häufig ist der schwule Mann in den breiten Medien „tuntig“ und deutlich in jeder Faser seines Daseins von dem heterosexuellen Mann klar abzugrenzen. So fühlt man sich von einem Ross Antony oder Jorge Gonzalez nicht wirklich in seiner Männlichkeit angegriffen. Doch wie ist es mit Sportlern? Wie ist es, wenn sich ein aktiver Profisportler outet und seinen heterosexuellen Gegner platt macht? Wäre unsere Gesellschaft für so etwas bereit? Könnt ihr euch vorstellen, dass bei der nächsten WM ein offen homosexueller Fußballer das entscheidende Tor schießt, seine Mannschaft zum Weltmeister macht und beim Jubel der Massen der erste „Spielermann“ in Nahaufnahme eingeblendet wird? Hetero-Männer dürfen weder von Frauen, noch von schwulen Männern oder Transsexuellen in ihrer Männlichkeit in Frage gestellt werden. Solange man den schwulen Mann mit der Frau gleichstellen kann, hat er eine klare Rolle und Schublade, in der er bitte bleiben soll.

Wir brauchen eine sichtbare Vielfältigkeit der LGBTQ+ Community

Der schwule Mann kann nicht immer die „Tunte“ sein, über die alle lachen dürfen und sollen. Wenn Geschlechtergrenzen in der Zukunft verwischen sollen, müssen vor allem die jüngeren Generationen schnell erkennen, dass Homosexualität keine Sache der Optik oder Art ist. Der schwule Mann ist in erster Linie ein Mann. Ein Mensch. Ich möchte, dass schwule Sportler Weltkarriere machen und das als offen schwule Männer. Ich will schwule Männer in Bereichen sehen, in denen die breite Masse sie nicht erwarten würde. Wir müssen den schwulen Mann neben den heterosexuellen Mann für das heterosexuelle Publikum platzieren und nicht dort, wo er als eine art sexuell verwirrter Abklatsch der Frau repräsentiert wird. Wir brauchen die Drags und die Menschen aus der Community, die eben anders sind und das Spektrum der Homosexualität erweitern und somit abrunden. Wir brauchen Vielfältigkeit in den Medien, damit Homosexualität und Transsexualität so repräsentiert werden, wie sie im wahren Leben sind. Nämlich vielfältig! / Berry

Bild: Vickson G. Santos