In einer Zeit, in der wir alle unter Umständen leben, die anders sind, als gewohnt und man froh sein kann, gesund und am Leben zu sein, besingen Lady Gaga und Ariana Grande genau diesen Zustand auf „Rain On Me“. Auch das neue Gaga Album „Chromatica“ passt auf paradoxe Weise in die jetzige Situation. Ein Album, das ich gebraucht habe – Review.

2008 erfuhr die Welt zum ersten Mal von Stefani Germanotta, die als Lady Gaga die Charts stürmte. Dabei war ihr Name Programm. Alles war eben irgendwie gaga, anders und neu. So blieb es auch bis 2014, bis Lady Gaga mehr und mehr Froschkostüm und Fleischkleid gegen Abendrobe und Cowboy Hut eintauschte. Sie legte die Kunstfigur ab und wollte mit „Cheek to Cheek“ und „Joanne“ der Welt zeigen, dass sie eine ernstzunehmende Musikerin ist. Am besten gelang ihr das im Anschluss durch ihr schauspielerisches Talent gepaart mit ihrer Stimme und Musikalität. Mit dem Film und Soundtrack „A Star Is Born“ hat die Welt endlich das in Gaga gesehen, was sie auf „Joanne“ so mühevoll versucht hat zu zeigen.

Nun haben wir 2020 und Gagas neues Album „Chromatica“ wurde wahrscheinlich fertiggestellt, bevor die Coronavirus-Pandemie die Welt unerwartet zum Erliegen brachte. Die Lead-Single „Stupid Love“ erschien, lange nach ihrem Leak, offiziell Ende Februar. Auch das Video zur zweiten Single „Rain On Me“ mit Ariana Grande wurde (Gott sei Dank) vor dem Shutdown gedreht. Es ist fast schon beängstigend wie prophetisch dieses ganze Konzept durch die äußeren Umstände wirkt. Die Rückkehr von Gaga zu der Dance-Pop-Ästhetik, mit der sie 2008 durch die Decke schoss, kommt genau dann, wenn es die Welt am bittersten braucht.

„Chromatica“ ist erfrischend unangestrengt

Der Clou an „Chromatica“ ist nicht Gagas musikalische Darbietung oder ihr Können. Es ist das Konzept einer anderen Welt. In Zeiten in denen die Umstände für uns alle schwer sind, flüchten wir gerne an diesen fernen Ort, an dem anscheinend nur getanzt wird. Gaga versucht nicht mehr, Räder neu zu erfinden, denn das hat sie am Anfang ihrer Karriere so einschneidend gemacht, dass der Einfluss auf die Musikwelt bis heute nachwirkt. Selbst auf sie. Sie hat in den letzten Jahren Superlativen erlebt. Von der Super Bowl-Halbzeitshow bis zum OSCAR. „Chromatica“ ist nun die Leichtigkeit, das Wegfallen sämtlichen Drucks und das Leben „danach“. Es ist die Aftershow Party zu einem Lebensabschnitt, dessen Tiefen es den Höhen gleichtaten.

Gaga setzt auf starke Refrains umgeben von House-Tunes, die Produzenten wie BloodPop, Burns und Axwell beigesteuert haben. Es gibt baladenähnliche Momente in den Songs, aber keine einzige Ballade auf dem Album. Alles bleibt in Bewegung und tanzt. Auch textlich ist es im Vergleich zu Alben wie „Born This Way“ oder „Joanne“ weitaus einfacher gehalten. „Chromatica“ klingt mühelos, was kein bisheriges Gaga Album ehrlich gesagt tut. Am Ende ist es die eigene Erwartungshaltung, die dazu führen könnte, dass das Album eventuell beim ersten Hören etwas belanglos klingt. Doch das ist es nicht.

Auf der Tanzfläche zeigt sich die Persönlichkeit

So einfach die Texte, Songstrukturen und Beats auch klingen, „Chromatica“ ist kein unpersönliches Album. Was nach Spaß auf der Tanzfläche klingt, ist gespickt mit persönlichen Schwachstellen ihrer Person. „Fun Tonight“ spiegelt die Trennung zwischen beruflicher Kraft und persönlicher Traurigkeit wider. „Rain On Me“ besingt das Glück, am Leben zu sein, auch wenn die Umstände nicht perfekt sind. „1000 Doves“ wirkt wie ein Schrei nach Erlösung. „911“ ist Gaga-Electro-Pop wie zu „Born This Way“-Zeiten, doch wer genau hinhört bemerkt auch hier, dass es um Gagas endlosen Kampf um Kontrolle geht. „Chromatica“ ist also weitaus mehr, als ein reines Dancefloor-„Lasst und fröhlich sein“-Album.

Neben den Singles überraschen vor allem die Songs „911“, „Alice“ und auch „Sour Candy“, den Gaga zusammen mit der K-Pop-Gruppe BLACKPINK aufgenommen hat. „Babylon“ wirkt wie ein Gruß aus der Zukunft an die Voguing- und Ballroom-Szene der 80er und 90er. Auch „Sine From Above“ mit Elton John überrascht allein durch die Tatsache, dass es ein tanzbare Nummer ist. Die großen Hits von Lady Gaga lebten immer von der Paarung aus Visualisierung, Gefühl und Tanzbarkeit. Genau das bringt „Chromatica“ mit einer erfrischenden Leichtigkeit zurück. In einer Zeit, in der wir alle Leichtigkeit brauchen, dürfte dieses Album der Soundtrack dafür werden: “I’d rather be dry, but at least I’m alive”. / Berry

JETZT „CHROMATICA“ MIXED BY HOLLYWOOD TRAMP HÖREN:

Bild: Universal Music