Wer Helene Fischer sagt, muss auch Schlager sagen. Und wer das Gegenteil von Hip Hop und RnB nennen soll, wird ebenfalls Schlager sagen. Da hören die Gemeinsamkeiten dieser beiden Welten wahrscheinlich auch schon auf. Doch ich musste gestern Abend in Hamburg auf meinem aller ersten Helene Fischer Konzert feststellen, dass in der Fischer doch mehr Beyoncé steckt, als man denkt.

Ich bin mit Funk, Soul, RnB und Hip Hop groß geworden. In meinem Elternhaus lief viel Michael Jackson, Whitney Houston oder Barbra Streisand. Musik mit Seele, würden viele Musikkenner behaupten. Schlager war für mich immer das Gegenteil. Es war einfache Musik, auf einem einfachen Takt, mit leichten Texten und einfachen Melodien. Schlager war für mich Dieter Thomas Heck in der Hitparade und Mütter, die mühevoll versuchen den 3/4 Takt mitzuklatschen. 

Als ich klein war, war Schlager uncool

Ich wurde in einer Zeit groß, in der beim ECHO noch gebuht wurde, als die Nominierten in der Kategorie „Schlager“ verkündet wurden. Schlager war einfach uncool und Leute, die gerne Schlager hörten, konnten mit den „anspruchsvollen“ Produktionen eines Timberlands oder den Neptunes ende der 90er nichts anfangen. Wer hätte damals gedacht, dass eines Tages eine Frau kommen wird, die den Schlager revolutionieren und cool machen wird? 

Nun haben wir 2018 und Helene Fischer, die unter dem Siegel „Schlager“ Musik macht, verkauft Jahr für Jahr Arenen in Deutschland aus und das mit einer Musikrichtung, die vor einiger Zeit noch als uncool galt. Sie ist Deutschlands erfolgreichste Künstlerin, wie man vor dem Konzert in einem Einspieler lesen durfte, und scheint irgendetwas verdammt richtig zu machen, denn die Leute feiern sie, wie einen internationalen Megastar.

Internationales Niveau

Dass Helene Fischer nichts mehr mit dem klassischen Bild vom Schlager zu tun hat, merkt man an dem Publikum. Es ist extrem gemischt. Während das Publikum eines Schlagerkonzertes in den 90ern noch aus Muttis bestand, die für eine ZDF-Tasse bei „Volle Kanne“ anriefen, findet man heute mehr und mehr junges Publikum vor. Auch die Bühne ihrer aktuellen Tour ist internationaler Standard. Wenn man keinen Hinweis auf Helene Fischer in der Arena vorab gehabt hätte, hätte man sich genauso gut auf einem Konzert von Beyoncé oder Britney Spears befinden können. 

Hier ist auch der Knackpunkt der ganzen Helene Erfolgsgeschichte, den man besonders in der aktuellen Tour sehr gut sehen kann. Helene Fischer verkauft sich als Schlager, aber macht keine Schlager Show. Sie hat es verstanden, ihre Musik mit einer modernen Show zu verbinden und so den Schlager-Fans eine Welt zu zeigen, die sie bis dato von Andrea Berg & Co. nicht kannten. Als Helene Fischer mit ihren großen Shows anfing, war das Publikum noch nicht so jung. Diese Leute wussten nicht, dass sich die Fischer viel von Beyoncé & Co. abgeguckt hat. Die Begeisterung war also da, weil es so schien, als wäre es neu. Und für eine Schlager-Künstlerin war es ja auch neu.

Alles nur geklaut?

Helene Fischer hat gestern Abend – es war übrigens die zweite Show in Folge in Hamburg – eine Show geboten, von der sich Megastars noch etwas abschauen können. Immer wieder fragt sie in den Videoeinspielen „Spürst du das“? Dabei hätte sie vielleicht eher fragen sollen, ob man bestimmte Showelemente wieder erkennt. Denn die Fischer klaut sich selbst ganz schön durch alle großen Künstler durch. Vieles erinnert an Beyoncé, dann klaut sie wieder etwas bei Kylie Minogue, hier etwas Madonna, da etwas Britney Spears und auch Coldplay ließ hier und da grüßen. Aber sie kann es ohne schlechtes Gewissen machen, weil es vor ihr keine andere Schlagersängerin gemacht hat.   

Der Unterschied ist aber dennoch die Fischer selbst. Während internationale Stars oftmals unnahbar wirken, trägt Helene die Show mit einer Leichtigkeit über die Bühne und wirkt durchgehend gut gelaunt und sympathisch. Sie feuert eine vollgepackten Show ab, ohne selbst, durch die große Bühne, Pyro, Wasser, Konfetti usw. in den Hintergrund zu geraten. Auf der anderen Seite, verlässt sie sich aber auch nicht zu sehr auf ihr Dasein als Star. Man hat nie das Gefühl, dass sie denkt, sie selbst und ihre Präsenz reichen völlig aus. Nein es ist immer etwas los. Selbst bei den leisen Tönen. Helene scheint immer Spaß zu haben. Wenn es einer spürt, dann auf jeden Fall sie selbst.

Mal Tomorrowland, Mal ganz leise

Gekonnt mischt Helene ihre Songs in passende Akte zu verschiedenen Looks und Bühnenbilder zusammen. Mal geht es plötzlich ab, wie beim Tomorrowland, als sie ein 90er-Medley mit „Rhythm Is A Dancer“, „Sing Halleluja“, „What Is Love“, „I Like To Move“ usw. schmettert, dann wird es Sommerlich, dann wieder eher mystisch. Ja, wir spüren alle viel an dem Abend. Vor allem die heiße Pyrotechnik, am Ende der Show, die meine Wimpern fast abgebrannt hat. Ach ja, das Ende! Helene verabschiedet sich, wie sie gekommen ist: mit einem Knall! Konfetti, Feuer und einer Wassershow zu den dröhnenden Beats ihres „Achterbahn“-Remixes.

Nach zwei Stunden steht man dann da und muss feststellen, dass Helene kein Schlager ist und durch sie auch Schlager nicht mehr Schlager ist. Man muss feststellen, dass sie zwar viel klaut, aber es auch leider besser und runder verkauft. Ich stehe also da und frage mich, was hier in den letzten zwei Stunden passiert ist, denn das habe ich so nicht erwartet. Ich war ehrlich gesagt hin und weg, überrascht und begeistert. Also, um die immer wiederkehrende Frage des Abends nun endlich zu beantworten: Ja Frau Fischer, ich habe es auf jeden Fall gespürt! 

https://www.youtube.com/watch?v=0P0ZSwG51mc

Bild: Anelia Janeva