Am Wochenende sorgte Barbara Schöneberger für viel Unruhe, indem sie sich offen dafür aussprach, dass Männer sich bitte nicht schminken sollen. Daraufhin rollte eine Welle der Empörung auf sie und ihr Magazin „Barbara“ zu. Ich, als Mann, der sich schminkt, finde diese Aussagen mehr, als gefährlich!

Ich bin ein Mann und ich benutze Make Up. Punkt. Dass das in der Gesellschaft immer noch ein Thema ist, zeigt nicht nur das aktuelle Video von Frau Schöneberger. Jeder Mann, der sich schonmal in einem Geschäft Make Up o.ä. kaufen musste, kennt die komischen Blicke und Sprüche der Verkäufer: „Ist das für ihre Freundin?“. Doch was ist daran so schlimm, wenn Mann sich einen Pickel oder Augenschatten wegschminken möchte, um frischer auszusehen?

„…Männer sollen irgendwie auch Männer bleiben“

In einem Video auf dem Instagram-Profil ihrer Zeitschrift „Barbara“ geht es genau um diesen Punkt. Ich glaube nicht, dass Barbara Schöneberger hier von einem „Drag“- Make Up spricht. Nein sie spricht über denn Mann, der gerne mit etwas Make Up o.ä. frischer aussehen möchte. Also im Prinzip über die minimale Stufe des Schminkens. Am Wochenende postete sie ein Video, indem sie sagt, dass Männer bitte kein Make Up tragen sollen: „Also jetzt mal ganz ehrlich, Freunde. Irgendwann ist auch mal Schluss. Männer dürfen gerne von mir aus lustige, hochgekrempelte Hosen tragen und kurze Jacketts, die über dem Arsch enden. Dann macht es, wenn ihr das wollt. Aber wenn ihr euch jetzt auch noch schminkt: Ich finde, irgendwo ist auch mal ein Punkt. Männer sind Männer, Männer sollen irgendwie auch Männer bleiben“.

Liebe Frau Schöneberger, ich möchte Ihnen und allen anderen Menschen, die gleicher Ansicht sind, einmal verdeutlichen, was so ein Video für Männer, wie mich, bedeutet. Männer, die genau aufgrund solcher Aussagen ihr Leben lang beleidigt und ausgegrenzt wurden. Männer, die immer wieder denken, sie müssen dem Druck der Männlichkeit gerecht werden, weil sie von Frauen, wie Ihnen (oder anderen Männern) gemocht und ernstgenommen werden möchten.

Der größte Feind des Mannes ist die Männlichkeit

Ich glaube, der größte Feind des Mannes, ist die Männlichkeit, die der vorherrschenden Vorstellungen von Männlichkeit in unserer Gesellschaft entspricht. Männlichkeit definiert nicht nur den „Mann“, sondern definiert zugleich den Nicht-Mann als Abgrenzung und genau dort fängt Frauenfeindlichkeit, Homophobie und die Unterdrückung aller weiteren Geschlechter-Identitäten an. In der klassischen Denkweise, ist der Mann immer das starke und übergeordnete Geschlecht und alles andere gilt als schwach und untergeordnet. Willkommen in der Steinzeit!

Von klein auf wurde mir gesagt, dass Männer keine Schwäche zeigen dürfen und stark sein müssen. Dementsprechend ist alles, was weiblich ist, schwach oder schwul und das in einem negativen Kontext. Seit Jahrzehnten kämpfen wir eigentlich genau gegen diesen Zustand an, nämlich dagegen, dass wir immer über das Geschlecht definiert werden. Dass Geschlechter fließend sein müssen und so individuell sind, wie jeder Mensch auch, ist noch lange nicht in der Gesellschaft angekommen.

„HETEROLIKE“ WAR DAMALS EIN KOMPLIMENT, HEUTE SEHE ICH DAS ANDERS!

Als mein Körper sich in der Pubertät veränderte und ich zum Abitur hin nicht mehr wie ein Kind aussah, wollten uns alle Medien sagen, dass wir Männer nun „Metrosexuell“ sein müssen. Der Mann muss Gesicht und Körper rasieren und pflegen. Körperbehaarung galt plötzlich nicht mehr als sexy und „männlich“, sondern als schmuddelig und unhygienisch. Super, wenn man, wie ich, als Südländer behaart ist. Ich habe mit ca. 18 Jahren so sehr darunter gelitten, dass ich fest vorhatte, mir alle Körperhaare weglasern zu lassen. Gott sei Dank hat mein Geld damals für die kostspielige Behandlung nicht gereicht. Später wendete sich das Blatt. Nun sind Männer mit Vollbart und Brustbehaarung angesagt. Schön für mich, aber was ist mit dem Mann, der gar keinen Bart und keine Behaarung hat? Was ist mit den Männern, die lange Haare tragen? Die Männer, die extrem dünn, schmal oder klein sind? Wird ihnen nun die Männlichkeit abgesprochen?

Männlichkeit ist das Nonplusultra

Ich habe es satt, mir von Frauen und Männern sagen lassen zu müssen, was männlich ist und was nicht. Anscheinend leben wir in einer Welt, in der die Frauen, die so sehr nach Emanzipation streben, alles unattraktiv finden, was am Mann nicht „männlich“ ist. Doch wenn Mann, Mann sein soll, wie es Frau Schöneberger in ihrem Video sagt, dann verliert die „Me Too“-Bewegung an Glaubwürdigkeit. Denn dann darf der Mann, als das starke, übergeordnete Geschlecht, sich nehmen, was es will. Wenn Make Up beim Mann unmännlich ist, ist dann der ständige Drang nach Sex und Dominanzverhalten männlich? Das würde also bedeuten, wenn das nächste Mal ein Mann Frau Schöneberger unerlaubt an ihren Hintern greift, wird sie sich zu ihm umdrehen und freundlich sagen: „Ist schon okay, Männer sind Männer, Männer sollen irgendwie auch Männer bleiben“.

WARUM HASSEN SCHWULE MÄNNER SAM SMITH?

Genau das ist das Problem, wenn man Schubladen aufmacht und Männern immer wieder sagen will, was männlich ist und was nicht und Männlichkeit als eine Art Nonplusultra in der Gesellschaft propagiert. Wir müssen uns endlich von diesen Geschlechterrollen befreien und den Mensch als Mensch und nicht als Geschlecht ansehen. Jegliche Homophobie, die ich erfahre, basiert auf diese veraltete Definition der Männlichkeit. Ich werde nur dann als „schwul“ oder „Schwuchtel“ betitelt, wenn ich irgendwas mache oder an habe, was als „weiblich“ gilt. Und wenn jemand, wie Frau Schöneberger sagt, Männer sollen Männer bleiben und sich bitte nicht schminken, gibt sie den Menschen weiterhin das Recht, mit dem Finger auf mich und andere zu zeigen und zu sagen, wir wären „Schwuchtel“, „Tunten“ usw.

Es ist verwunderlich, dass ausgerechnet unsere Babsi so etwas sagt

Besonders verwundert bin ich darüber, dass ausgerechnet Frau Schöneberger diese Aussage trifft. Sie selbst trifft doch sicherlich beruflich auf viele Make Up Artisten, die selbst geschminkt sind oder als Mann sich dieser Kunst verschrieben haben? Sie moderiert doch den ESC, eine der weltweit größten Veranstaltungen, die Geschlechtergrenzen (nicht zuletzt durch Conchita) auf einer Weltbühne eine Plattform gegeben haben. Aus Frau Schönebergers Mund diese Worte zu hören, ist so verwunderlich, dass ich immer noch hoffe, Joko und Klaas stecken hinter dieser ganzen Sache oder es ist einfach nur ein geschmackloser „Prank“.

Make Up hat nichts mit Männlichkeit zu tun

Für mich hat Schminken nichts mit Männlichkeit zu tun. Ich benutze gerne etwas Make Up (vor allem beruflich, wenn ich auflege), um frisch auszusehen. Aber vielleicht ist meine Definition von Männlichkeit eine andere, denn ich habe keine positive. Ich finde Männer, die zu 100 Prozent das ausleben, was sie sind und wonach sie sich fühlen, ganz ungleich dem, was andere über sie denken mögen, sexy. Ein Mann, der kein Problem damit hat weiblich zu sein, ist sexy. Und ja, ich habe hier den furchtbaren Begriff der Männlichkeit, der eigentlich nur ein Sack voller veralteter Erwartungen und Ansprüche an den Mann ist und zeitgleich ein Keimboden für Homophobie und Frauenfeindlichkeit, bewusst gegen das Wort „sexy“ ausgetauscht.

SCISSOR SISTERS FRONTMANN JAKE SHEARS ÜBER PURE MÄNNLICHKEIT

Frau Schöneberger, ihr Video hat mir erneut klar gemacht, dass ich mich nicht über mein Geschlecht definieren möchte und auch andere Menschen nicht darüber definieren möchte. Als ich dieses Video gesehen habe, sind alle diese Menschen in meinem Kopf hervorgekommen, die mich immer als Mädchen oder Schwuchtel beleidigt haben. Männlich zu sein, hat mein Leben lang bedeutet, mein Verhalten zu limitieren und Emotionen und Verhaltensweisen zu unterdrücken, weil sie nicht der Idee des wahren Mannes entsprechen. Ich kenne viele Männer, die genau unter diesem propagierten Männlichkeitsbild und diesen Rollenklischees leiden. Wenn das also Männlichkeit in unserer Gesellschaft bedeutet, werde ich mir in Zukunft vier Schichten mehr Make Up ins Gesicht knallen, denn dann will ich nicht männlich sein! / Berry

Übrigens, bin ich auf diesem Foto geschminkt und bauchfrei. Bin ich nun also kein Mann mehr?

+++UPDATE 04.11.2019+++

Mittlerweile gibt es ein Statement von Barbara Schöneberger auf ihrem Instagram Profil und dem ihres Magazines „Barbara“. Ich muss sagen, dass mir dieses Statement mehr als wichtig war, denn wie ich in meinem Artikel schon erwähnt hatte, hat sie es einfach unglücklich ausgedruckt. Natürlich darf jeder seine Meinung und seinen Geschmack äußern, aber dann sollte man es eher positiv formulieren, indem man z.B. sagt: „Ich finde natürliche Männer, die kein Make Up tragen, attraktiver“.

Dass sie sich auf diese Art und Weise einsichtig zeigt, finde ich sehr bemerkenswert. Sie versucht uns keine Ausrede aufzutischen, sondern wirkt sehr ehrlich. Man muss eben auch zu unglücklich gelaufenen Sachen stehen können, denn letztendlich lernen wir alle daraus. Somit: Hut ab!

Bild: Hollywood Tramp