Was in den 80ern und 90er beliebte Shirts bei Männern waren, bekommen heute homophobe Shitstorms im Netz. Crop Tops gelten im negativen Sinne als schwul, weiblich und albern. Dabei entstammen sie dem über-maskulinen American Football.

Als wir alle noch Kinder waren, hat Puh der Bär schon bauchfrei getragen. Heute sind es Brands wie ASOS, die seit Jahren auf Trends, die oft als homosexuell abgestempelt werden, setzten. Dabei geht es weniger um Pride-Kollektionen, sondern viel mehr um transparente Oberteile, super enge Hosen und eben das Crop Top. Wer sich auf Twitter & Co. die Kommentare dazu anguckt (besonders auf den US-Seiten), wird schnell merken, wie homophob die Inhalte sind, die Männer und Frauen unter diese Posts schreiben.

Durchtrainierte Männerbäuche galten als sexuell erregend

Ein Mann, der ein Crop Top trägt, muss wohl zwangsläufig schwul sein. Dabei galt das Kleidungsstück in den 80er und 90er gar nicht als besonders gay. Der Ursprung liegt nämlich im hyper-maskulinen American Football. Historisch gesehen dienten bauchfreie Oberteile der Funktionalität im harten Kampf auf dem Spielfeld. Im American Football gab es das sogenannte „Tear Away Jersey“, was eine Art „Abreiß-Trikot“ war. Es riss auf Bauchhöhe, sobald gegnerische Verteidiger einen Stürmer an seinem Trikot festhielten. 1979 verbot die NFL dann das „Abreiß-Trikot“, da meist die halbe Mannschaft auf dem Feld nach kurzer Spielzeit bauchfrei da stand. Die NFL sah das als Problem, da durchtrainierte Männerbäuche mit Sixpack als potenziell sexuell erregend galten.

Besonders das Crop Top gilt als hyper-maskuliner Look, da die Trikos im Football den Oberkörper und die Muskeln größer aussehen lassen, wenn der Bauch frei liegt. Schließlich wurden verkürzte Trikots erhältlich, die in mehrere Sendungen der 1980er Jahre zu sehen waren. Männer fingen an Crop Tops unabhängig vom Sport zu tragen. Auch Brands wie Calvin Klein setzten auf die Tops und selbst Will Smith trug es in der Serie „Der Prinz von Bel-Air“. Im Horror-Klassiker „A Nightmare on Elm Street“ trägt Johnny Depp in seinem Kino-Debüt ein knappes, bauchfreies Football Jersey. Das war 1984.

Die Sexualisierung des Crop Tops

Doch wann kam der Wandel? Mitte der 80er entdeckte auch die Musik das Crop Top. Sänger Prince galt als einer der ersten, männlichen Megastars, der seinen trainierten Bauch im Mainstream zeigten. Er trug das Crop Top als enge Variante. Madonnas männliche Tänzer trugen Crop Tops auf der Bühne. Die Modewelt entdeckte sie mehr und mehr und so wurde das Stück aus dem sportlichen Kontext gerissen und sehr eng mit Sex verknüpft. Doch in den 90ern, nach der großen AIDS-Epidemie der 80er, versuchten sich viele Männer bewusst von homosexuellen Männern abzugrenzen. Wie i-D berichtet, erklärt Dr Shaun Cole, Associate Professor in Mode an der Winchester School of Art: „In der Post-AIDS-Ära gab es diese Gegenreaktion hetereosexueller Männer, die nicht als schwul wahrgenommen werden wollten…Mode wurde herkömmlich auch als frivol und feminin verspottet.“

Gender verschwindet mehr und mehr aus der Mode

Seit einigen Jahren scheint sich aber etwas zu tun. Homophobe Ansichten herrschen auch heute noch. Man muss sich nur die Kommentare unter entsprechenden Posts bei ASOS & Co. durchlesen. Doch vor allem die LGBT+ Szene hat das Crop Top immer aufrecht gehalten. In den letzten Jahren gilt es fast schon als Pride-Must-Have in vielen modebewussten Städten der Welt. Die junge Generation wächst mit Rapper wie z.B. Young Thug auf, der ein Alessandro Trincone Kleid auf seinem Cover trägt. Oder mit Schauspielern wie Billy Porter, der auf diversen roten Teppichen im Kleid aufgetreten ist. Rapper Kid Cudi trug 2014 beim seinem Coachella Festival Auftritt ein bauchfreies Top.

Es ist eine Generation, die Gender mehr und mehr hinterfragt und besonders modisch damit experimentiert. So fangen immer mehr heterosexuelle Männer wieder an, modisch zu sein. Sie trauen sich mehr und sie verstehen immer mehr, wo Trends herkommen. Sie haben kein Problem damit, wenn man sie als homosexuell abstempelt. Ganz im Gegenteil. Der moderne Mann hat seinen schwulen Freundeskreis und weiß die Trendbewusstheit der schwulen Szene zu schätzen. Es kommt, wenn auch nur langsam, aber es kommt.

Traut euch Männer und zieht euch ganz selbstbewusst wieder ein Crop Top über. Egal ob mit Sixpack oder Dadbod und wenn euch die Hater dabei wieder dumm kommen, haut ihr mal einige Zeilen zum Ursprung des Kleidungsstücks raus. Ach und wenn dank Corona selbst die US Regierung empfiehlt, sich aus Shirts Crop Tops zu schneiden, um aus dem Rest einen Mundschutz zu machen, na dann weiß ich auch nicht mehr. Go for it! / Berry

Bild: Hollywood Tramp