Wer mit Christina Aguilera groß geworden ist oder ihre Karriere von Anfang an verfolgt hat, dem wird ihr „Stripped“-Album in 2002 geprägt haben. Deswegen wird jedes Christina Aguilera Werk auch immer an „Stripped“ gemessen. Eine harte Zerreißprobe, auch für ihr heute erschienenes Album „Liberation“. 

Christina Aguilera meldete sich selbstbewusst dieses Jahr zurück. Kein Make-Up, keine Maske, kein Plastik. Erst war sie die Pop-Prinzessin, die zeitgleich mit Weltstar Britney Spears ihre Musikkarriere startete, dann wurde aus ihr Xtina, die mit „Dirrty“ eine Verwandlung von süß zu sexy hinlegte. Mit „Liberation“ treffen wir nun zum ersten Mal auf die Christina, die in ihren 30ern ist. Erwachsen, selbstbestimmt und bestimmt nicht abhängig von Nummer 1 Hits. Denn Hits gibt es auf dieser Platte keine! 

Keine Kompromisse

Ganze sechs Jahre haben Fans auf dieses Album gewartet und das Album hört sich auch so an. Kein Song wirkt unfertig oder als Kompromiss. Alle Werke klingen, anders als beim Vorgänger „Lotus“, wohl durchdacht und mehrfach überarbeitet. Es ist ein reifes Album, das qualitativ am ehesten an „Stripped“ ran kommen dürfte. Nur eben ohne die Uptempo Nummer und die Radio Hits. 

Track by Track

Christina war schon immer bekannt für Intros und Interludes. Das verschwand zwar nach und nach immer mehr aus ihren Alben, doch auf „Liberation“ sind sie wieder da. Die ersten beiden Nummern sind direkt das instrumentale Intro „Liberation“, gefolgt von dem engelhaften „Searching For Maria“ Interlude. Der richtige erste Opener ist „Maria“, der am Anfang erstmal an „Don´t Speak“ von No Doubt erinnert. Es folgt „Sick Of Sittin´“, ein Song der mit einem 70er Rock und Funk Sound daher kommt und sich super als Filmmusik gemacht hätte.

Es folgt wieder ein Interlude gefolgt von dem starken und viel zu wenig beachtetem Duett mit Demi Lovato. „Fall In Line“ hat auf jeden Fall die Aggression und Stärke von Xtinas „Fighter“ und ist eine Hymne für Frauen und ihr Recht, sich nicht von Männern bestimmen zu lassen. Diese Aussage hatte Xtina übrigens ja auch schon auf „Stripped“ mit „Can´t Hold Us Down“. 

„Right Moves“ hat einen sommerlichen Reggae Vibe, den man so von Christina auch noch nicht kannte. „Like I Do“ ist ein chilliger RnB-Track, der ebenfalls etwas an die Stripped-Ära erinnert. „Deserve“ ist vom Stil am ehesten jetziger Pop. Gefolgt von der wunderschönen Ballade „Twice“, die sehr nahe an Songs wie „Hurt“ und „Beautiful“ ran kommt.

Die erste Single „Accelerate“ ist damit auch eigentlich die schnellste Nummer des ganzen Albums. Gefolgt von chilligem „Pipe“ und der verträumten Nummer „Masochist“. Beendet wird das Album mit der ruhigen Nummer „Unless It´s With You“, die einen schönen positiven Abschluss bildet. 

Die großen Hits fehlen

„Liberation“ ist am ehesten an Xtinas Meisterwerk „Stripped“ dran. Es fehlen lediglich zwei bis drei uptempo Nummer oder Kracher, wie damals „Dirrty“, „Fighter“ oder „Can´t Hold Us Down“. Aber diese Songs hat Christina Aguilera schon in ihrem Musikkatalog und vielleicht ist „Liberation“ ja auch die musikalisch Befreiung von dem Druck, Hits liefern zu müssen und sich an Charterfolgen messen zu müssen. Das „Lemonade“-Album von Beyoncé hat auch keine Hits geliefert und lief auch nicht im Radio (Zumindest nicht hier) und geschadet hat es Beyoncé nicht. Ganz im Gegenteil, es gab mehrere Grammy Nominierungen und einen Grammy für das beste Urban Album! 

Christinas „Liberation“ wird kein kommerzieller Erfolg werden wie „Stripped“ oder „Back To Basics“, aber anders als „Lotus“ werden Musikerkollegen sie dafür ehren und sie könnte durchaus Chancen auf die ein oder andere Grammy Nominierung haben. Das Album reflektiert eine Frau, die reif und selbstbewusst ist, die weiß, was sie will und was sie nicht will. Wie der Song „Fall In Line“ sagt, ist sie nun frei von Fesseln! 

Bild: MILAN ZRNIC