Manchmal machen Künstler in ihrer düstersten Zeit, ihr größten Werke. In dem Jahr, in dem Britney Spears täglich mit negativen Schlagzeilen in den Medien war und ihr das Ende ihrer Karriere prophezeit wurde, erschien mit „Blackout“ ein Album, das sie für immer definieren sollte.

2007 war die Britney Horror Show. Sie rasierte sich den Kopf, hatte einen Absturz nach dem nächsten, bis hin zur Falschmeldung, dass sie an einer Überdosis gestorben sei. Man fragte sich zu der Zeit schon, wie diese Frau überhaupt in der Lage war, ein Album aufzunehmen? Es war also eigentlich zum Scheitern verurteilt als am 25. Oktober 2007 „Blackout“ erschien. Auf ihrem fünften Studioalbum präsentierte sie sich plötzlich mit dunklen Haaren, statt mit der typisch blonden Britney-Mähne. Man hätte also eigentlich erahnen können, dass „Blackout“ anders wird.

Irgendwas ist nicht mehr, wie es einmal war

Mit den legendären Worten „It´s Britney, Bitch“ läutete Britney eine Ära ein, die ihre legendärste werden sollte. Am 5. Oktober erschien das Musikvideo zur ersten Single „Gimme More“ und spätestens dann war klar, irgendwas ist nicht mehr, wie es einmal war. Es folgte der skandalöse Auftritt mit „Gimme More“ bei den VMAs, für den Britney Spears gnadenlos zerrissen wurde. Man hatte das Gefühl, Britney hat alle hängen lassen. Doch in Mitten dieser Enttäuschung und fast täglicher Skandale, entwickelte sich dieses neue Britney Album von Tag zu Tag mehr zu einem Mahnmal ihrer Karriere.

Im Herbst 2007 kam keiner um „Gimme More“ und „Piece of Me“ herum. Besonders das Publikum in den schwulen Clubs erkannte schnell, wie futuristisch und wichtig dieses Album ist. Mit „Blackout“ brachte Britney Spears 2007 plötzlich ein düsteres Pop-Album raus, das vom Sound her neu und anders war. Man hatte das Gefühl, sie ist endlich ausgebrochen und macht ihr Ding. „It´s Britney, Bitch“ ist eine Kampfansage! 

Inhaltlich zeigt sie den Mittelfinger

Das Album hat einen ganz eigenen Sound. „Gimme More“ und „Freakshow“ wirken wie Demoversionen und haben dadurch eine sehr freie und ehrliche Note. In „Piece of Me“ und „Hot As Ice“ zeigt Britney zum ersten Mal allen Hatern den Mittelfinger. „Radar“ trägt den futuristischen Electro-RnB-Sound von „Piece of Me“ weiter. „Break The Ice“ ist einer der Songs, die auch das Zeug zur ersten Single gehabt hätten. Mit dem Satz „I like This Part“ im Song, erinnert Britney etwas an die Stilistik von Janet Jackson.

Mit „Heaven on Earth“ ändert sich die Richtung des Albums. Vom Electro-Urban-RnB geht es nun in den Pop-Himmel. „Heaven on Earth“ erinnert leicht an Elemente von Giorgio Moroder und Donna Summer’s Klassiker „I Feel Love“. An dieser Stelle geht auf „Blackout“ kurzzeitig etwas die Sonne auf. Gepaart mit allen Skandalen wirkt „Get Naked (I Got a Plan)“ dann fast schon wie der Soundtrack für Britneys zügelloser Seite. Der von Danja produzierte Track ist einer der großen Clubhits der Platte. Düster, wie „Gimme More“ und ebenso tanzbar.

„It’s time for me to move along (goodbye)“

Der Stil wechselt wieder etwas bei „Freakshow“. Ein Song, den Britney bis heute gerne performt. „Toy Soldier“ war damals auf anhieb einer meiner Favoriten für eine mögliche Single. Britney´s Vocals sind frech und verzerrt. Der Beat stampft und lädt zum Marschieren ein. Ein Banger! „Hot as Ice“ war vorab als „Cold as Fire“ geleaked. Auf diesem Song klingt Britney noch am ehesten Mädchenhaft und jung, wie auf ihren älteren Platten. Doch inhaltlich zeigt sie erneut den Mittelfinger. „Ooh Ohh Baby“ und „Perfect Lover“ sind ein perfektes Zusammenspiel in dem Britney erst aufdreht und dann wieder in düsteren Sphären von „Blackout“ eintaucht.

„Perfect Lover“ hat vielleicht noch die größte Anlehnung an „Slave 4 U“ und man hätte den Track stilistisch vielleicht sogar auf „In The Zone“ finden können. Das perfekte Ende bietet der von Pharrell Williams produzierte Song „Why Should I Be Sad“, der wohl auch den größten Tiefgang besitzt. Diesen Song an das Ende zu setzen, mit den Lyrics „It’s time for me to move along (goodbye)“ und Pharrell, der sie motiviert mit „Britney, let´s go“, wirkt, als hätte es Britney satt, alle Erwartungen zu erfüllen. Zugleich erklärt der Song rückwirkend das ganze Album und zeigt auf, dass sie viel durchlebt hat. Sie hat es überlebt und zieht nun weiter. Toll!

Der „Blackout“-Sound war prägend

Kritiker schrieben zu der Zeit, dass Britney neben der Spur wirkt. Ihre Stimme sei zu bearbeitet und nicht wirklich da und das Album wäre zu simpel. Doch der Charme des Albums kommt genau daher. Es ist das erste Britney Album, das nicht für die Radios gemacht wurde. An bestimmten Stellen hat man das Gefühl, dass sie einfach keine Lust hat oder sich gar lustig über ihre eigene Situation macht, wie das „I just can´t control myself…ohhhh“ in „Gimme More“ oder in anderen Songs, in denen sie einfach Mal ein „Ohhh“ rein stöhnt, als wüsste niemand, was an der Stelle passieren soll.

Auf den ersten Blick wirkten viele Songs wie eine Art Demo, bis man irgendwann erkennen muss, dass diese Einfachheit der Stil des Albums ist und der Zeit voraus ist. Britney Spears und die Produzenten haben zu dem Zeitpunkt einen Sound kreiert, den keiner sonst hatte, aber den viele heute weitertragen. Künstlerinnen wie Charli XCX, Banks oder Tinashe greifen viele Elemente von „Blackout“ auf und den „Blackout“-Stil hört man auch heute noch im Radio. Man möchte meinen, das Album ist zeitlos und das ist es, denn wir werden 13 Jahre später immer noch über „Blackout“. / Berry

Bilder: Ellen von Unwerth / Sony Music