Im April 2010 erschien die erste Single „Not Myself Tonight“ von Christina Aguileras Album „Bionic“. Was hätte groß werden können, verblieb als „Flop“ in Xtinas Karriere. Doch wie die Sängerin selber so schön sagte: „Vielleicht war es für manche Menschen seiner Zeit voraus“.

Christina Aguilera hatte sich in den 2000er ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt. Ihre Alben „Stripped“ und „Back To Basics“ waren nicht nur Hit-Alben, sie prägten die Musikwelt und strahlen bis heute noch ihren Einfluss aus. Die Erwartungen an „Bionic“ waren demnach unendlich hoch.

Christina als Chamelion

Sie war der klassische Teenie-Star, machte Karriere als Bubble-Pop-Prinzessin neben Britney Spears, Jessica Simpson und wie sie nicht alle hießen. Verwandelte sich dann zu einem Vamp in „Dirrty“ und schockierte damit die Welt. Sie forderte als junge, emanzipierte, selbstbestimmte Frau mehr Rechte für Frauen ein und kam 2006 als elegante Jazz-Soul-Lady zurück, um die Wurzeln dieser Musik mit ihrer Stimme zu verschmelzen und etwas Einzigartiges daraus zu machen. Warum sollte Christina Aguilera nach so viel Soul, Stimme und Erfolg nicht als Electro-Pop-Android aus der Zukunft den Pop neu definieren können?

„Bionic“ konnte durchaus Rekorde verbuchen

Christina Aguilera und Electro-Pop oder jegliche Art von Musik, die nicht den vollen Stimmumfang der Sängerin zulässt, war bis zu dem Zeitpunkt kaum denkbar. „Bionic“ war somit auf jeden Fall radikal und neu. Das Album erschien am 04. Juni 2010 in Deutschland und am 07. Juni in Großbritannien. Dort landete „Bionic“ direkt auf Platz 1 der offiziellen Album-Charts und war das meistverkaufte Nummer-1-Album seit acht Jahren. Doch das Album schrieb auch Chart-Geschichte in negativer Hinsicht. Es war nämlich der größte Rückgang eines Nummer-1-Albums, der jemals verzeichnet wurde. „Bionic“ war also kein genereller Flop, sondern ein finanzieller und das nur gemessen in ihrem eigenen Erfolg.

Gaga vs. Xtina

Ich habe mehrere Theorien, warum das Album nicht zünden wollte, doch das Hauptproblem war sicherlich: Timing! 2008 schaffte eine Künstlerin mit dem Namen Lady Gaga einen explosionsartigen Durchbruch. Sie landete als Kunstfigur auf der Erde und verstand es Electro-Pop mit Stimmgewalt und visueller Perfektion, mit einem Hauch 80er Bowie und 90er Madonna, in den Pop-Olymp zu schießen. Also genau das, womit nun Xtina gute zwei Jahre später kam. Ja, 2010 hatte man das Gefühl, dass Christina Aguilera mit „Bionic“ einfach nur auf den Gaga-Zug aufspringen wollte. Als 2010 „Not Myself Tonight“ erschien, hatte sich Gaga mit „Just Dance“, „Poker Face“, „Love Game“ und „Bad Romance“ in jedes Ohr gebrannt. 2010 befand sich Lady Gaga mit „Telephone“ und „Alejandro“ weiterhin ganz oben. Ich glaube, unter diesem Einfluss litt „Bionic“ extrem. Rob Sheffield vom Rolling Stone gab dem Album nur zweieinhalb von fünf möglichen Sternen und kritisierte vor allem den „Gaga-Stil Roboter Glam“.

Hinzu kam die miese Auswahl an Singles. Oder besser gesagt, die Tatsache, dass nach „Not Myself Tonight“ kaum noch etwas passierte. „WooHoo“, mit der damals vergleichsweise unbekannten Nicki Minaj, bekam nicht einmal ein Video und chartete nur in den USA und das auf Platz 79. Dann versuchte man mit der Ballade „You Lost Me“ das ganze Cyber-Electro-Pop-Ding zu vertuschen und auf Nummer sicher zu gehen. Immerhin lieben die Massen ja Christina Aguilera und ihre Balladen. Doch auch das nützte nichts. So bleibt „Bionic“ mit nur zwei Musikvideos und keiner Tour zurück.

Bionic war radikal und neu!

Heute ist „Bionic“ für mich ein Brett. Ein Konzeptalbum, das seiner Zeit vielleicht nicht voraus, sondern ärgerlicher Weise dank Gaga, hinterher war. Hätte man „Back To Basics“ und „Bionic“ zeitlich vertauscht, wäre es ein Meilenstein gewesen. Der Opener und Titeltrack klingt wie nichts, was Christina jemals zuvor gemacht hatte. Sie spielt mit ihrem Gesang und probiert einen futuristischen Sound aus. Dass sie singen kann, weiß die Welt bereits. Nun zeigt sie, dass sie vielseitig ist. In ähnlicher Weise sticht „Elastic Love“, der von MIA mitgeschrieben wurde und auch klar nach MIA klingt, hervor. Die Vocals abgeschwächt und mit Effekten verändert, wie von einem anderen Stern.

Da wirkt im Gesamtbild „Not Myself Tonight“ fast schon, wie eine Fehlentscheidung, wenn es um erste Singles geht. Songs wie „Prima Donna“ und „Desnudate“ sind grandiose Electro-Pop-Nummern. Man tanzt und tanzt, bis die großen Balladen des Albums kommen. „I Am“ und „You Lost Me“ wurden von Sia geschrieben und waren die ersten ihrer Art. Noch bevor Sia mit Stars wie Kylie und Britney zusammenarbeitete, entwickelten sie und Christina wirklich brillante Popmusik. Abgerundet wird das Album von „My Girls“ zusammen mit Peaches (unglaubliche Kombo) und „Vanity“. Ein Song, der ein perfekter RuPaul´s Drag Race Soundtrack wäre und total nach 2020 klingt.

Die Juwelen waren die Bonus-Tracks

Die wahren Juwelen von „Bionic“ sind jedoch in der Deluxe-Edition vergraben. „Monday Morning“ gehört z.B. in jede Hipster-Playlist und keiner wird dir glauben, dass das Xtina ist. „Birds of Prey“ ist bis heute eine intelligente, moderne Pop-Hymne, die einfach nur verloren unter den Bonus Tracks war. Auch „Bobblehead“ war ein erfrischender Party-Track, der nach heutigen „Major Lazer“-Hits klingt.

Wer viel Wert auf Zahlen legt, wird weiterhin sagen, dass „Bionic“ ein Flop war. Doch wer das Album heute erneut hört, wird merken, wie brilliant es war. Es war das letzte Meisterwerk von Xtina bis heute, denn weder „Lotus“ noch „Liberation“ kommen an diese cleveren Songs heran. Somit ist „Bionic“ heute für mich Iconic! / Berry

Bilder: Alix Malka / Sony Music Germany