Beyoncé hat in der Nacht von Samstag auf Sonntag ihr neues Album mit dem Titel „Lemonade“ via Live-Stream auf dem TV-Sender „HBO“ präsentiert. Im Vorfeld gab es nur wenige Informationen zu dem einstündigen TV-Ereignis und so wurde wild über eine neue Dokumentation der Sängerin spekuliert. Am Ende erlebten wir eine volle Stunde des sogenannten „Visual Album“. Ein Album, das praktisch als eine Art Musikfilm erscheint und zu jedem Song ein Video beinhaltet. 

Beyonce Lemonade

Beyoncé ist mit ihrem Vorgängeralbum 2013 eine ähnliche Strategie gefahren und hat ohne Ankündigung über Nacht das Album, samt allen Videos, online gestellt. Damit revolutionierte sie die typischen Marketingstrategien der Musikbranche, die normalerweise enorm viel Werbegelder in die Ankündigung und Vermarktung einer neuen Plate stecken, bis sie endlich erschienen ist. 

Beyoncé gehört ohne Zweifel zu den wenigen großen Künstlern unserer Zeit. Nachdem Michael, Whitney, Bowie und Prince verstorben sind, fragt man sich, ob es heutzutage noch Künstler gibt, die eben so legendär sein könnten, wie diese Stars aus einer „anderen“ Zeit es sind. Beyoncé ist sicherlich solch eine Künstlerin. Wenn sie etwas veröffentlicht, schaut die Welt genau hin. So auch beim neuen visuellen Album „Lemonade“. Ihr damit sechstes Album besteht aus 12 Songs mit Gaststars wie The Weeknd, James Blake, Jack White oder Kendrick Lamar. Der Film zum Album ist in verschiedene Emotionen und Stufen eingeteilt, die Beyoncé durchlebt, nachdem sie wohl vom Partner betrogen wurde. Es geht um Zorn, Einsamkeit, Verlust, Rechenschaft, Vergebung und Wiedervereinigung. Ob sie damit Ehemann Jay-Z meint, wird so explizit nicht verdeutlicht, doch man kann stark davon ausgehen, dass das Album autobiografisch ist. Es ist ihr düsterstes Werk und damit sicherlich auch eines der größten Enttäuschungen für Fans der ersten Stunde, so wie mich. 

Auf Hits kann man nicht mehr hoffen

Als Fan ist man sicherlich froh, dass Beyoncé überhaupt etwas Neues veröffentlicht hat. Sie hat ihre Fans und die wären auch mit einem Remix-Album ihrer größten Hits zufrieden gewesen. Doch davon ist „Lemonade“ weit entfernt. Generell darf man die Wörter „Hits“, „Single“ und „Album“ mit Beyoncé nicht mehr in Verbindung bringen und genau da liegt das große Leid ihrer Karriere, das mich so langsam von der Enttäuschung in die Wut treiben lässt. Wer in den 90er mit Destiny´s Child und dem Solowerdegang der Beyoncé groß geworden ist, muss rückblickend feststellen, dass Beyoncé die Bedürfnisse ihrer Fans lange nicht mehr erfüllt. Sie ist nicht mehr die Künstlerin, deren Hits Garanten in jedem Club sind und dessen Choreografien die Tanzkurse und Tanzflächen dieser Welt bestimmen. Songs wie „Crazy In Love“, „Baby Boy“, „Single Ladies“, „Sweet Dreams“ oder „Run The World“ erobern heute noch die Clubs und sind präsenter, als Beyoncé´s aktuelle Werke je sein können. Dann änderte Beyoncé ihre Strategie. Auf Hits kann man nicht mehr hoffen, denn sie veröffentlicht keine Singles. 2012 lässt sie uns verdutzt mit dem Song „Standing On The Sun“ für eine H&M-Kampagne einfach so sitzen und veröffentlicht den Song einfach nicht. So auch „Grown Woman“ aus einer Pepsi-Werbung, den sie zwar live auf ihrer Tour performt, aber ebenfalls nicht veröffentlicht. Erst auf ihrem „Visual Album“ in 2013 erscheint der Song als Bonus. „Standing On The Sun“ sogar erst auf der Bonus Version des Albums, das ein Jahr später erscheint. Jedoch auch hier nur als Remix. Dadurch, dass Beyoncé ihr erstes „Visual Album“ als Gesamtpaket auf dem Markt bringt, knallt es zwar laut, aber nur kurz. Im Grunde bringt Sie ein Werk raus, das man als Ganzes annehmen soll, auf der anderen Seite verlieren sich die Songs im Album, denn jeder sucht sich seinen Liebling raus und keiner kann sich an einer Single orientieren. Was für tolle Singles wären z.B. „Blow“ oder „Partition“ gewesen? 

Beyoncé, die Tänzerin, tanzt nicht mehr

Irgendwann ist aus der tanzenden Hitmaschine mit Songs über Jungs, Nachtleben und „Girl Power“ eine Künstlerin geworden, die etwas sagen möchte. Ihr Kunst hat mehr Aussage denn je und die Themen sind düsterer, sexueller und belastender, als zuvor. Statt nach dem Ring zu fragen, fragt Beyoncé heute nach den Rechten der afroamerikanischen Frau. Während das letzte Album aber noch den einen oder anderen möglichen Hit beinhaltete, muss man sich bei „Lemonade“ nun von jeglichem uptempo Song verabschieden. Beyoncé, die Tänzerin, tanzt nicht mehr. Beyoncé ist eine Erzählerin geworden, die nicht mehr mit ihren Fans im Club feiern will, sondern lieber an einem Sonntag demonstrieren geht. Alles, was sie der Presse über ihre Leben nicht mitteilen möchte, knallt sie nun ihren Fans via „Lemonade“ an den Kopf. Sie ist nicht mehr Pop, sie ist das, was den Inhalt, den sie transportieren möchte, am besten verkörpert. So durchleben wir auf „Lemonade“ eine intensive Achterbahnfahrt von Raggae, über Rock bis hin zu Country. Man muss ihr hoch anrechnen, dass sie ihre Stimme nutzt, um etwas zu sagen und eine Künstlerin mit Botschaft geworden ist, die eben nicht versucht, den nächsten „Song of the Year“ zu landen. Doch die Frage ist, ob wir Beyoncé als Botschafterin annehmen möchten?

Der ewige Vergleich zu den alten Songs

Als großer Beyoncé-Fan sehe ich den Musikfilm „Lemonade“ als Meisterwerk. Es ist eine Geschichte, die über die Musik und vor allem durch die Bilder, extrem gut transportiert wird. Doch wenn man das „Visual Album“ eben nicht visuell aufnimmt, sondern erstmal nur hört, ist man verblüfft oder verwirrt. Die Songs sind gut, doch es ist nicht das, was Beyoncé-Fans sonst von ihr kennen. Ich will sie tanzen sehen, ich will zu ihrer Musik tanzen. Mit der ersten Single „Formation“ sah doch alles so hoffnungsvoll aus und auch der Superbowl-Auftritt ging in die Richtung. Doch dann folgt ein dicker, schwerer Klos an negativen Emotionen und damit muss man erstmal umgehen können. Die Songs, fallen im Film der visuellen Stärke der Bilder zu Opfer. Leben aber ohne Bild auf. Wie passt das zur anstehenden Tour? Setzt sich Beyoncé in einen Kreis und macht eine Redestunde zum Thema „Treue in der Ehe“ mit ihren Fans? Wird sie die ganze Zeit aus dem „Off“ erzählen? Wie wird sie den Bogen ihrer musikalischen Karriere und dem aktuellen Album schaffen?

Wenn Fans schreiben, dass sie vom neuen Album enttäuscht sind, liegt das sicherlich nicht am Inhalt des Albums, sondern an dem Vergleich zu ihrem Lebenswerk, den man einfach ziehen muss. Den Leuten fehlen die Hits, sie wollen tanzen und Spaß haben. Doch „Lemonade“ ist ein Werk, das genau das nicht liefert und zum Nachdenken anregt und das kann sich Beyoncé absolut leisten. Vielleicht müssen wir uns von der Beyoncé vor 10 Jahren verabschieden und uns damit abfinden, dass uns eine große Künstlerin erhalten bleibt, die jedoch auf dem Dancefloor fehlt. 

Titelbild: HBO Screencap

Auf Hollywood Tramp teilt Berry E. eine bunte Auswahl an LGBT-Themen, Musik, Style, Sexappeal und Events, die ihn bewegen.

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Auf Hollywood Tramp kommentiert DJ Berry E. LGBT-Themen, Lifestyle, Musik, Kultur und kreiert damit eine Mischung aus Magazin und persönlichem Blog aus der Szene, für die Szene!

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