Es ist Paradox, doch viele schwule Männer sehen es als Kompliment, wenn sie nicht als schwul, sondern heterosexuell eingestuft werden. Sätze wie: „Ich hätte nie gedacht, dass du schwul bist“ oder „Du bist ja gar nicht typisch schwul“, gehen manchen runter wie Öl. Auch wenn es viele nicht zugeben wollen, fühlt man sich in diesem Moment gut, aber irgendwie auch als Verräter. Es entstand der Begriff „Straight Acting“, der den schwulen Mann mit heterosexuellen Verhaltensarten beschreibt, die aber, wie das Wort „Acting“ schon sagt, eben gespielt sind.   

Fitness straight acting

Der schwule Mann hat sich gewandelt. In den 70er Jahren war er einfach nur Mann. Später durfte er sich ausleben und wurde auch in der Pop Kultur durch schrille bunte Figuren verkörpert. In den 90ern wurden dann sämtliche Geschlechtergrenzen gesprengt. Doch in den Nullerjahren setzte sich die pure Männlichkeit als erstes wiederum beim schwulen Mann durch. Der glatte metrosexuelle Mann wurde vom bärtigen Mann mit Brusthaar und Holzfällerhemd abgelöst. Der homosexuelle Mann sah schon männlich aus, als der heterosexuelle Mann noch sämtlich Köperhaare mit Wax entfernen ließ. Die Männlichkeit ist schon lange in der Szene angekommen. Schwule Männer stehen eben auf Männer. 

Das „Straight Acting“ ist also an sich eine Folge unseres Geschmacks? Zumindest denke ich, dass das der Ursprung ist, woher diese „Rolle“ kommt. Die Sexsymbole sind nicht Conchita Wurst oder Guido Maria Kretschmer, sondern Bradley Cooper oder Maroon 5 Frontmann Adam Levine. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Nachfrage auch ein Angebot bekommt und es funktioniert, weil die Gesellschaft ein klares Bild vom Verhalten einer Frau, eines Mannes und eines schwulen Mannes hat. Doch viele schwule Männer wollen nicht den schwulen Mann, wie ihn sich die Gesellschaft vorstellt, sondern einen Mann, der das Klischee des klassischen Mannes erfüllt und da punkten die schwulen Männer, die sich eben wie heterosexuelle Männer geben. Doch wieso ist männliches Verhalten so begehrenswert und ab wann verhält sich ein Mann schwul und wer sagt, was schwul ist und was nicht?

Die Anziehung zu heterosexuell agierenden schwulen Männern könnte eine Art Kindheitsprägung sein

Das „Straight Acting“ kann mehrere Gründe haben. Zum einen will jeder Mensch etwas haben, was er nicht haben kann. Vielleicht finden wir das Verhalten von heterosexuellen Männern besonders anziehend, weil wir eben nicht hetero sind. Der heterosexuelle Mann ist sozusagen die verbotene Frucht, die wir nicht haben können. Um selbst so begehrt zu werden und einen Schein von Unnahbarkeit zu erzeugen, nimmt man die „Straight Acting“ Rolle an. Das Wort „Acting“ bedeutet eben, dass man es spielt und eigentlich gar nicht ist. Ein netter Nebeneffekt ist sicherlich, dass ein heterosexuell wirkender schwuler Mann Homophobie geschickt umgeht. Natürlich wird ein sehr weiblich wirkender Mann eher Opfer homophober Angriffe oder diskriminiert, weil er auffällt.

Es könnte aber auch sein, dass wir in heterosexuellem Verhalten das Bild einer Vaterfigur und damit Stärke verbinden, da die erste männliche Rolle in unserem Leben der Vater spielt und dieser ist eben meist heterosexuell. Die Anziehung zu heterosexuell agierenden schwulen Männern könnte also eine Art Kindheitsprägung sein, so wie die Tatsache, das heterosexuelle Männer generell auch auf schwule Männer sehr anziehend wirkend. Man merkt, es gibt viele Möglichkeiten und es ist sicherlich komplexer als gedacht. 

Das „Straight Acting“ stigmatisiert andere Verhaltensformen

Doch das „Straight Acting“ stigmatisiert andere Verhaltensformen. Mann steht auf Männer und da wird knallhart alles das abgegrenzt, was nicht männlich ist. Im Grunde teilt das Wort das Verhalten in weibliches Verhalten und angeblich „männliches“ Verhalten auf, was schon impliziert, dass weibliches Verhalten selbst unter schwulen wohl als sonderbar angesehen werden müsste. Natürlich trifft das nicht auf alle zu und mit „Straight Acting“ sind auch nicht die Männer gemeint, die von Natur aus „männlicher“ wirken. Nicht jeder hetero-like schwule Mann spielt es vor. Doch beim „Straight Acting“ geht es eben um die, die ein künstliches Verhalten vortäuschen, um etwas zu bewirken, was sie nicht herbeiführen können, wenn sie sind, wie sie wirklich sind. 

Es ist ein Fake und somit fraglich, was man damit auf lange Sicht bezwecken will? Doch es ist auch die eigene Szene, die das typisch „schwule“ Verhalten stigmatisiert und dafür sorgt, dass das Wort „Schwul“ einen negativen Beigeschmack beibehält und dementsprechend „Straight“ begehrenswerter ist. Wie viele schwule Männer schämen sich für den CSD, für jeden „tuntigen“ Charakter in einem Sitcom oder für den schwulen Kollegen, der gemachte Augenbraue und perfekte Anzüge trägt usw. Natürlich ist es verlogen, doch die Wahrheit ist, dass sich viele von uns gut fühlen, wenn sie nicht eindeutig für schwul gehalten werden. Erst ist es ein Kompliment und dann kommt doch das Gewissen. Letztendlich wollen wir alle nur gemocht werden und wenn diese „Masche“ hilf, wenn auch nur kurzfristig, ist es nachvollziehbar, dass das „Straight Acting“ seinen Platz in einer Szene eingenommen, in der viele Menschen nicht so sein wollen, wie sie sind. 

Auf Hollywood Tramp kommentiert DJ Berry E. LGBT-Themen, Lifestyle, Musik, Kultur und kreiert damit eine Mischung aus Magazin und persönlichem Blog aus der Szene, für die Szene!
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