Mit Goodgame Studios und InnoGames setzen zwei der rund 150 Unternehmen der Hamburger Games-Branche ein Zeichen für die sexuelle Vielfalt ihrer Mitarbeiter. Anlässlich der Hamburger PRIDE WEEK 2015 möchte die Gamecity Hamburg gemeinsam mit Arbeitnehmern aus der Games-Branche, Personalverantwortlichen, Politikern und Journalisten in einem kleinen Rahmen über diese Aktivitäten informieren.

Im Rahmen des Gamecity Pub-Crawls „Queer-Einsteiger willkommen“ werden in zwei Bars verschiedene Aspekte und Perspektiven rund um das Thema „LGBT am Arbeitsplatz“ in lockerer Atmosphäre diskutiert. In den beiden Locations werden jeweils LGBT-Mitarbeiter/innen von Goodgame Studios sowie InnoGames über ihre Erfahrungen und Aktivitäten innerhalb ihrer Unternehmen berichten. Weitere Unternehmensvertreter werden die Motivation der Arbeitgeber zu ihrer Unterstützung erläutern. Wir haben vorab mit einigen Beteiligten über dieses Thema gesprochen:

Brigitte Reisinger (Team Lead HR Marketing, Goodgame Studios)

Seit wann gibt es die „Gaymer & Friends“ bei Goodgame Studios und wieso wurde es initialisiert?

Gaymer & Friends gibt es seit April 2014. Die Gruppe wurde auf Initiative eines Mitarbeiters hin als Plattform für den Austausch für LGBT-Mitarbeiter gegründet. Gleichzeitig dient sie dazu, das Bewusstsein im Unternehmen für die Bedürfnisse dieses Teils der Belegschaft zu schärfen. Damit ist Gaymer & Friends auch Sprachrohr der LGBT-Mitarbeiter. Im Kern geht es der Gruppe darum, dass sich alle LGBT-Mitarbeiter akzeptiert fühlen und so unbeschwert ihrer Arbeit nachkommen können.

Warum ist Vielfalt – insbesondere bezüglich der sexuellen Orientierung – ein Thema für Goodgame Studios?

Vielfalt, und sexuelle Identität als Teil davon, ist mittlerweile ein omnipräsentes und gesellschaftlich weitgehend anerkanntes Thema in Unternehmen geworden. Zum einen wollen Mitarbeiter heute viel stärker als früher in ihrer Gesamtpersönlichkeit wahrgenommen und geschätzt werden. Gleichzeitig setzen Unternehmen selbst auch auf starke, individuelle Persönlichkeiten, die Unternehmen bereichern. Darüber hinaus ist es auch ein Argument, sich für einen Arbeitgeber wie Goodgame Studios zu entscheiden, vor allem auch bei ausländischen Mitarbeitern, die einen weniger offenen Umgang mit LGBT-Themen gewohnt sind. Mitarbeiter können so von Beginn an volle Leistung zeigen und müssen sich nicht erst an die Firmenpolitik in diesem Bereich herantasten.

Welche Folgen hat die aktive Initiierung von LGBT-Gruppen für die Außendarstellung, Recruiting, Arbeitsatmosphäre, Kooperationen etc.?

Die Gründung einer solchen Gruppe muss immer aus dem inneren Antrieb von LGBT-Mitarbeitern erfolgen. Sie ist sichtbares Zeichen des Rückhalts bei der Geschäftsführung für das Thema. Die Förderung von LGBT-Gruppen in Unternehmen muss auf einer echten Überzeugung fußen und auch im Konfliktfall (außen wie innen) mit kritisch eingestellten Meinungen nicht von dieser Unterstützung abweichen. Für Unternehmen gilt es die Gruppe nach Möglichkeit zu unterstützen, dies kann sowohl finanziell sein oder auch personell, sodass beispielsweise bestimmte Mitarbeiter einen Teil ihrer Arbeitszeit dem Projekt widmen können. Die Nutzung der Gruppe zur Stärkung der Außenwahrnehmung muss mit Bedacht und in Absprache erfolgen. Es gilt zu vermeiden, dass der Eindruck entsteht, eine solche Gruppe gäbe es nur als PR-Gag (Stichwort Gay-Washing).

Wie vermeidet man Unwohlsein von LGBT-Mitarbeitern am Arbeitsplatz?

Wichtig ist vor allem ein klares Bekenntnis des Unternehmens zur uneingeschränkten Akzeptanz seiner LGBT-Mitarbeiter. Dies darf nicht nur ein Lippenbekenntnis sein, sondern muss sich auch in konkreten Maßnahmen wiederfinden und im Konfliktfall für jeden LGBT-Mitarbeiter auch einforderbar sein. Eine starke Verwurzelung des LGBT-Bekenntnisses in den Unternehmenswerten ist ebenfalls erforderlich. Hilfreich können auch niedrigschwellige Angebote zum Austausch in Problemfällen sein. Ein neutrales und geschultes Feelgood-Team kann diese Aufgabe übernehmen.

Wann sollte sich ein Mitarbeiter outen – im Vorstellungsgespräch, bei Arbeitsbeginn oder gar nicht?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, da sie nicht nur vom Unternehmen abhängig ist, sondern auch vom Mitarbeiter selbst. Wenn ein Bewerber sich nicht sicher ist, ob ein Unternehmen LGBT-freundlich ist, spricht nichts dagegen, dies offensiv in einem ersten Gespräch, bevor die Bewerbung eingereicht wird, anzufragen. Ein Outing ist dann anzuraten, wenn sich ein Mitarbeiter ansonsten verstellen müsste. Denn vorspielen, verstellen oder verheimlichen wird den Mitarbeiter auf Dauer zermürben und ihm den Spaß an der Arbeit nehmen. Studien zeigen einen negativen Einfluss auf die Produktivität und das Wohlbefinden des Mitarbeiters. Weiß man von bestimmten Kollegen oder Vorgesetzen, dass sie ein Problem mit LGBT haben, sollte man dies mit einer Vertrauensperson im Unternehmen besprechen, um sich den Rückhalt des Unternehmens zusichern zu lassen, sollte es bei einem Outing zu Problemen kommen. Das kann bei Goodgame Studios beispielsweise innerhalb von Gaymer & Friends, durch Feelgood oder direkt über HR erfolgen.

Alexander Raphelt (Head of Art, InnoGames)

Wie möchten LGBT-Mitarbeiter behandelt werden – sind Fragen nach der Auslebung ihrer sexuellen Orientierung OK?

Es geht in erster Linie um das Inkludierungsprinzip und gelebter Akzeptanz. Fragen zum LGBTQ Lebenswandel sind vollkommen ok und gewünscht, ein Abstempeln einer Person oder eines Personenkreises hingegen wollen wir durch offene Kommunikation aktiv vermeiden. Dennoch wird es bei InnoGames nie wie auch immer geartete „Zwangsoutings“ geben – wir verstehen, dass einige Mitarbeiter aufgrund traumatischer Ereignisse oder aus erlernter Vorsicht es vorziehen, unerkannt zu bleiben. Der Schritt in ein Outing muss von jedem selbst geklärt werden, InnoQueers könnte hierbei eine haltgebende Instanz bieten. Zusammenfassend wollen die allermeisten LGBTQ Mitarbeiter sich so fühlen, wie alle anderen auch: Als Teil des Ganzen – ohne Ängste, ohne Sonderprivilegien.

Wie sollten Führungskräfte auf mögliches Mobbing reagieren?

Mobbing, besser, die Klärung von Mobbing, sollte jeder Führungskraft essentiell am Herzen liegen. Diskriminierung in Bezug auf sexuelle Entfaltung ist nichts anderes als Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der ethnischen Herkunft oder der Religionszugehörigkeit – und kann nie Bestandteil von Unternehmen der Hochtechnologiebranche im Jahre 2015 sein.

Wann sollte sich ein Mitarbeiter outen – im Vorstellungsgespräch oder bei Arbeitsbeginn?

Diese intime Angelegenheit sollte jedem Mitarbeiter selber überlassen sein. Viele Faktoren spielen mit – Naturell des Mitarbeiters, Vorgeschichte, eigene Position zum Thema LGBTQ – Outing ist kein Schalter der Umgelegt wird – es ist ein langwieriger Prozess, der Familie, Freunde und Job mit einschließen kann.

Sollte die sexuelle Orientierung überhaupt ein Thema am Arbeitsplatz sein?

Ja – in einer offenherzigen Firma wie InnoGames, die ihre Mitarbeiter als Menschen und nicht als reine HR-Ressourcen sieht, definitiv. Spätestens bei der ersten „+1 Einladung“ zum Sommerfest ist es angenehmer, angstfrei seinen gleichgeschlechtlichen Partner mitbringen zu dürfen.

Wieso sind gerade Hamburger Gamesunternehmen Vorreiter in Sachen LGBT-Rechten? Immerhin ist die Gamesbranche doch eigentlich eine Männerdomäne und man könnte eine latente Homophobie vermuten.

Hamburger Games-Unternehmen sind fortschrittlich in der Annahme, dass Menschen kreativer und freier Arbeiten, wenn Aspekte, die nicht das direkte Arbeitsumfeld betreffen, ebenfalls positiv stimuliert werden. Darunter fällt ein kostenloses Fitnessstudio ebenso wie ein freier und offener Umgang mit LGBTQ-Themen.

Wie kam es zur Gründung der „Innoqueers“ und was hat es mit der kürzlichen Zertifizierung auf sich?

Mit ca. 350 Mitarbeitern ist die kritische Masse an offen lebenden und auch untereinander vernetzten LGBTQ-Menschen so groß, dass ein Verbund zum offenen Austausch fast von alleine geschieht, sollte das Umfeld dazu bereit sein. Die Zertifizierung zeigt, dass InnoGames allen Lebenswegen und -entwürfen offen gegenüber steht, potentielle und vorhandene Mitarbeiter als Ganzes willkommen heißt und somit eine Atmosphäre des Vertrauens schafft – die sogar zertifiziert ist.

Tobias Graff (CEO, Mooneye Studios)

Steht man als LGBT bei der Gründung des eigenen Game-Studios vor anderen Fragen?

Die meisten Fragen, die ich mir gestellt habe, sind wahrscheinlich die gleichen, die sich jeder stellt, wenn er eine eigene Firma bzw. ein Game Studio gründet und hatten weniger mit meiner Sexualität zu tun. Aber trotzdem hat das schon eine Rolle gespielt.
Zum einen gibt es da Fragen, die erst mal nicht viel mit der Branche, sondern mit Firmengründung im Allgemeinen zu tun haben. Um mit jemandem eine Firma zu gründen, braucht es viel Vertrauen und Respekt. Traut man einem schwulen Geschäftsführer da genauso viel zu wie einem heterosexuellen? Wird er von allen Mitarbeitern genauso respektiert? Ich denke, diese Fragen kann ich mittlerweile für die Spielebranche beide mit „Ja“ beantworten. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass das Schwulsein bei irgendeiner Geschäftsentscheidung eine Rolle gespielt hat.
Neben dieser Wirkung nach innen und dem Umgang mit LGBT-Mitarbeitern in der Firma selbst, habe ich mir die Frage gestellt, ob eventuelle Mitgründer befürchten könnten, dass ein schwuler Firmengründer schlecht für die Außenwirkung ist und es damit schwieriger wird, überhaupt ein Team zu finden, das mit mir eine Firma gründen möchte. Wenn es immer noch Spieler gibt, die beispielsweise Rollenspiele dafür kritisieren, dass man seinen Charakter auch schwul spielen und andere schwule oder lesbische Charaktere treffen kann, könnte ein schwuler Gründer für einige Spieler ein Grund sein, unsere Spiele nicht zu kaufen? Sollte man dann nicht besser nur mit Leuten gründen, die keine weiteren Stolpersteine in den Weg legen könnten? Zum Glück kann ich auch hier sagen, dass meine Sorgen absolut unbegründet waren. Meine drei Mitgründer hatten nie ein Problem damit, dass ich offen schwul bin, haben mich sogar zum Geschäftsführer gemacht und unterstützen mich auch bei Aktionen wie dem Gamecity Pub-Crawl.

Wie erlebst du den Umgang mit sexueller Vielfalt in der Games-Branche insgesamt?

Ich denke, die Spielebranche ist dabei auf jeden Fall sehr weit. Als Programmierer bin ich Teil einer männerdominierten Fachrichtung und man könnte meinen, dass man es als schwuler Programmierer da nicht unbedingt leicht hat. Tatsächlich habe ich aber nie Ablehnung erfahren. Gut, ich laufe auch selten mit Regenbogenfahne und Bodyglitter durch das Büro und es haben auch wahrscheinlich nicht immer alle Mitarbeiter in meinen vorherigen Jobs gewusst, dass ich schwul bin. Aber die typischen Ängste wie „Darf ich beim Mittagessen erzählen, dass ich ein Date mit einem Mann hatte?“ o.ä. haben sich auf jeden Fall als unbegründet erwiesen. Auch jetzt als Geschäftsführer meiner eigenen Firma spielt das für andere Indie-Studios in Hamburg keine Rolle und von den Veranstaltern von Events wie dem Indie-Treff, auf dem sich alle zwei Monate die Indie Studios in und um Hamburg versammeln, wurden wir sofort unterstützt. Auch als Stefan Klein von der Idee des Pub Crawls erzählt hat.

Wie vermeidet man Unwohlsein von LGBT-Mitarbeitern am Arbeitsplatz?

Die Grundregel ist da ja eigentlich ganz einfach: Gib niemandem das Gefühl, dass er oder sie im Büro nicht er bzw. sie selbst sein kann. Dann auch in größeren Firmen sicherzugehen, dass sich auch alle anderen Mitarbeiter daran halten, ist natürlich nicht so einfach. Dass es Gruppen wie die „Gaymer & Friends“ oder die „InnoQueers“ gibt, ist ein wichtiges Signal seitens der Arbeitgeber für die Mitarbeiter. Generell sollte man einfach für jede Art von Kritik der Mitarbeiter ein offenes Ohr haben und versuchen, Probleme zu beseitigen.

Wieso sind gerade Hamburger Games-Unternehmen Vorreiter in Sachen LGBT-Rechten? Immerhin ist die Games-Branche doch eigentlich eine Männerdomäne und man könnte eine latente Homophobie vermuten.

Das stimmt, die Spielebranche wird leider immer noch von Männern beherrscht. Warum es dann trotzdem eine so offene und LGBT-freundliche Branche ist, kann ich natürlich nur vermuten. Ich denke, es liegt zum einen einfach daran, dass es eine sehr junge und moderne Branche ist. Es gibt sehr wenig alteingesessene Leute mit festgefahrenen Meinungen und Ansichten. Arbeitgeber lernen von Anfang an, dass es wichtig ist, auf die Mitarbeiter zu achten und dafür zu sorgen, dass sich alle bei der Arbeit wohl fühlen.
Dass Hamburg sich dabei so engagiert, ist ein weiterer Beleg für die Weltoffenheit der Stadt. Dass gerade die Spielebranche hier so engagiert ist, hängt mit der Vielzahl an Hamburger Games-Firmen zusammen. Da ist Mitarbeiterbindung wichtig und die erreicht man natürlich am ehesten durch in jeder Hinsicht glückliche Mitarbeiter.
Nicht zuletzt ist natürlich auch wieder Kommunikation der Schlüssel. In Hamburg gibt es immer wieder Events für Spieleentwickler, kleine und große, wie den Gamecity Treff oder den Indie-Treff. Auf diesen Treffs hat man regelmäßig die Chance, in lockerer Atmosphäre bei einem kühlen Bier mit anderen oder mit dem eigenen Arbeitgeber zu sprechen. Gründer treffen andere Gründer, Bewerber den Geschäftsführer und so weiter. Dabei wird sicher auch schnell auf etwaige Missstände hingewiesen oder man hört von Problemen in anderen Unternehmen. Auch Ideen zu Gruppen wie den „Gaymer & Friends“ oder den „InnoQueers“ oder zu Events wie diesem entstehen wahrscheinlich nicht selten auf diesen Treffen. Außerdem sorgen diese Treffen vor allem in der Indie Szene generell für eine sehr familiäre Atmosphäre zwischen den verschiedenen Firmen. Und in einer funktionierenden Familie kümmert man sich natürlich auch um die Probleme des Einzelnen und sorgt dafür, dass sich jeder wohl fühlt.

 

LGBT-Event „Queer-Einsteiger willkommen“ am 28. Juli

Kyti Voo, Lange Reihe 82, ab 18:30 Uhr
Gegen 19:30 Uhr Wechsel in die M&V Gaststätte, Lange Reihe 22, für einen zweiten Impulsvortrag.

Das Event wird unterstützt von gamecity:Hamburg, dem Branchennetzwerk der Initiative nextMedia.Hamburg. Tickets gibt es hier