Wenn wir unseren Urlaub planen denken wir erstmal an Dinge wie das Wetter vor Ort, die Qualität des Hotels, die Beschaffenheit der Strände und die Preise. Doch viele homosexuelle Urlauber achten auch auf die LGBTQ-Freundlichkeit ihres Reisezieles. Dabei stellt sich mir immer mehr die Frage, ob es nicht okay ist, auch homophobe Länder als schwuler Mann zu bereisen?

2018 schaffte es Deutschland in die Top 10 der homofreundlichsten Länder weltweit. Kanada, Schweden und Belgien gelten als die sichersten Reiseziele für Homo- und Transsexuelle. Aber es gibt auch die Länder, die eben das Schlussbild einer solchen Liste bilden, wie Tschetschenien, Somalia, Iran, Saudi Arabien oder die Vereinigte Arabische Emirate (VAE). Diese Listen berücksichtig nicht nur politische Entwicklungen, sondern auch die Sicherheit im Land. In einigen dieser Lände werden homosexuelle Handlungen immer noch mit Gefängnis oder dem Tod bestraft.

Dennoch sehe ich immer wieder, wie homosexuelle Freunde von mir auf Social Media ihren Urlaub posten und da ist mir aufgefallen, das z.B. besondern viele meiner Freunde gerne mit ihrem Partner nach Dubai oder Abu Dabi fliegen. Die Bilder sind beeindruckend und ich hatte vor genau diese Woche das gleiche zu tun, bis ich irgendwann vor der Frage stand: „Ist es okay, als homosexueller Mann mit seinem Partner in ein Land zu fliegen, in dem es Homosexuelle nicht gibt bzw. nicht geben soll?“.

Schwule gibt es in Dubai offiziell nicht!

Die Vereinigten Arabischen Emirate mit ihren Metropolen Dubai und Abu Dhabi, zählen zu beliebten Reisezielen. Doch auf Listen wie dem „Gay Travel Index“ landen die VAE auf den hinteren Plätzen, denn Schwule gibt es in Dubai offiziell nicht! Das Emirat verhängte teilweise mehrjährige Haftstrafen für homosexuelle Handlungen, verbunden mit anschließender Deportation für Ausländer, also der durch die Emirate organisierten Verschleppung von Menschen in andere Gebiete. Dennoch können Schwule dort Urlaub machen, solange sie sich an Regeln halten.

Die gesetzliche Lage in Dubai ist für schwule Urlauber schwierig. Doch wie in so vielen Ländern, ist das tatsächliche Leben anders, als es das Gesetzt vorschreibt. Ich selber komme aus dem Iran. Meine Eltern sind mit mir als Kriegsflüchtlinge in den 80ern nach Deutschland geflohen. Als homosexueller Mann im Iran aufzuwachsen, wäre sicherlich die Hölle für mich gewesen, aber eben nicht unmöglich. So kann man durchaus Männer auf öffentlichen Plätzen sehen, die Hand in Hand gehen. Sie werden bei einer Kontrolle durch die sogenannte Sittenpolizei aber niemals angeben, dass sie Homosexuell sind, denn wird mit dem Tode bestraft. In der arabischen Kultur und im arabischen Raum ist das Händchenhalten unter „guten Kumpels“ völlig normal. Eine Abgrenzung zwischen Freunden und gleichgeschlechtlichem Paar ist fast unmöglich.

Schwule können hier Urlaub machen, solange sie sich an Regeln halten

So kann man feststellen, dass die einheimische Bevölkerung in vielen arabischen Staaten zwar sehr religiös ist, hinsichtlich der Homosexualität hat sie jedoch häufig liberalere Ansichten als erwartet. Auch Prostitution ist verboten, aber es gibt sie. Dubai ist sicherlich viel offener, als z.B. der Iran, aber dennoch ist Homosexualität dort strafbar und im Extremfall folgt die Todesstrafe. Schwule Urlauber müssen daher in Dubai einige Verhaltensregeln beachten. Ähnlich wie in Russland ist das Reden über Deine Homosexualität nicht erlaubt. Kein Küssen, Umarmungen oder Händchenhalten in der Öffentlichkeit. Und natürlich kein Sex an öffentlichen Orten.

Generell gilt: Wer seinen Urlaub in Dubai genießen will, sollte sich in der Öffentlichkeit auf gar keinen Fall als homosexuell erkennen geben. Was auch immer das heißt. Und da sind wir auch schon bei der umstrittenen Frage, ob Homosexuelle in so einem Land ihren Urlaub verbringen sollten? Viele sehen es als Unterstützung des Landes. Wie oft sagen Menschen: „Ich würde denen nicht mein Geld in den Rachen schieben“ oder „So ein Land unterstütze ich nicht durch meinen Urlaub“? Es macht durchaus Sinn. Wieso soll ich in ein Land fahren, das mich nicht akzeptiert?

Wo wären unsere Rechte, wenn sich Homosexuelle aus jedem Ort zurückgezogen hätten?

Doch ganz so einfach ist es eben nicht. Es gibt durchaus Sichtweisen und Argumente, über die man zumindest nachdenken sollte. Denn sind wir nicht auch die Gruppe von Menschen, die sich so ungern auf ihre sexuelle Orientierung beschränken lassen möchte? Und waren wir nicht die, die auch in den USA nicht willkommen waren, bis wir die Geschichte durch Stonewall usw. für immer veränderten? Wo wären unsere Rechte, wenn sich Homosexuelle aus jedem Ort, an dem sie nicht willkommen waren, zurückgezogen hätten? Das ist ein Aspekt von vielen.

Nun kann man Stonewall sicherlich nicht mit einem Urlaub vergleichen. Doch wieso sollen schwule Menschen nicht vor allem an Orten stattfinden, an denen sie nicht willkommen sind? In Russland gibt es viele tolle Beispiele, wie einfallsreich Homosexuelle werden können, wenn es darum geht, sich nicht in der Öffentlich als Homosexuell zeigen zu dürfen. Da denke ich an die sechs Freunde, die man nun auch als Aktivisten feiert, nachdem sie es geschafft haben anhand ihrer unterschiedlichen Trikots-Farben den Pride-Regenbogen zum World Cup nach Russland zu bringen. Ist es also nicht auch eine Art Mittelfinger als Zeichen gegen die Regierung oder das Regime, wenn Homosexuelle trotzdem vor Ort ihr Leben leben oder ihren Urlaub machen? Nach dem Motte: „Es gibt uns und ihr könnt nichts dagegen tun“?

Die größte Kritik kommt aus den eigenen Reihen!

Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass man in dem Augenblick, in dem man etwas meidet, weil man homosexuell ist, sich komplett über die sexuelle Orientierung definiert. Wie viel von mir als Mensch, der z.B. durch Dubai schlendert, ist diese Homosexualität? Soll ich bestimmte Orte der Welt nie zu sehen bekommen, weil ich Homosexuell bin? Im Grunde lege ich mir doch selbst Steine in den Weg und beschneide meine Freiheit, wenn ich ein Land, dass mich interessiert, nicht bereise, weil ich schwul bin.

Ich denke, es ist völlig legitim, wenn Homosexuelle in einem „homophoben“ Land Urlaub machen und es erkunden. Ich finde nicht, dass man diese Menschen verurteilen muss, denn dazu ist das ganze Thema viel zu Komplex und man müsste immer individuell bewertet werden. Genauso ist es aber auch okay, diese Länder zu mieden, wenn sie der eigenen Überzeugungen widersprechen. Was mich etwas stört ist die Verurteilung innerhalb der Szene, denn wie ich hier versuche zu zeigen, gibt es mehr als eine mögliche Sichtweise. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind und es ganz genau nehmen: Was ist mit dem Land, in dem wir leben? Wo waren die Finger, die so verurteilend auf schwule Urlauber in Dubei usw. zeigten, als in unserem Land in Sachen Gleichstellung von Homosexuellen zu lange Stillstand herrschte? Was ist mit dem Adoptionsrecht in Deutschland für Homosexuelle und wieso kommen wir mit der Blutspende nicht weiter? Wenn man sucht, findet man sicherlich in jedem Land etwas Homophobie.

Titelbild: Hollywood Tramp / Bilder: thehiddenflag.org

Auf Hollywood Tramp kommentiert DJ Berry E. LGBT-Themen, Lifestyle, Musik, Kultur und kreiert damit eine Mischung aus Magazin und persönlichem Blog aus der Szene, für die Szene!

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