Ja, ich gebe es zu! Bemerkungen wie „Du siehst ja gar nicht aus, als wärst du schwul“, „Ich hätte nie gedacht, dass du schwul bist“ oder „Du bist ja voll nicht typisch schwul“ waren früher Balsam für meine Seele. Ich habe sie als großes Kompliment empfunden, obwohl ich ein offen schwuler Mann bin und auch stolz dadrauf bin. Mit den Jahren hat sich das aber mehr und mehr gewandelt und heute sind mir solche Bemerkungen oder Begriffe wie Heterolike eher unangenehm.

Begriffe wie „Heterolike“ oder „Straight Acting“ fallen genau unter dieses Thema. Heterosexuell zu wirken, scheint ein Wunsch vieler schwuler Männer zu sein und viele empfinden es als Kompliment, wenn sie als besonders „hetero“ oder eben nicht „schwul“ bezeichnet werden. Auch mir ging es jahrelang so. Es fühlte sich toll an, wenn man mich nicht für „typisch schwul“ gehalten hat und es fühlte sich schlecht an, wenn es offensichtlich war, dass ich schwul bin. Sätze wie „Ich habe gleich gemerkt, dass du schwul bist“ oder „man merkt es an deiner Art“ usw. empfand ich irgendwie als negativ. Dabei ist es nur die Wahrheit und ich habe bestimmte Züge an mir, die die Gesellschaft sofort als typisch schwule Merkmale einordnen würde.

Männer sind stark, Frauen sind schwach

Wieso stehe ich dann nicht dazu und wieso kommt eine Note von Selbsthass gegenüber der eigenen sexuellen Orientierung in so vielen schwulen Männern hoch? Ich habe lange nicht verstanden, was mein Problem war. Mein Gott, dann bin ich eben für einige Menschen eine „Tunte“ oder „Der Schwule“. Wer sagt, dass das schlecht sind? Viele schwule Männer haben eine Art Hass auf andere schwule Männer, die zu „schwul“ sind. Der CSD ist vielen zu bunt und zu „tuntig“ und die Übeltäter sind eben die schwulen Männer, die offensichtlich besonders weiblich sind. Ich habe die Antwort auf diese zentrale Frage in meiner Kindheit gefunden.

Dieser Hass entsteht unbewusst früh im Kindesalter und spätestens an dem Punkt, an dem einem bewusst wird, dass man irgendwie anders ist, als andere. Ich habe als Kind immer eine Art Ablehnung in Hinblick auf meine „weiblichen“ oder „schwulen“ Züge erfahren. Wenn ich eher mit Mädchen gespielt habe, wurde ich von den Jungs fertig gemacht und als Mädchen abgestempelt. Habe ich mit den Jungs gespielt, war ich akzeptiert und einer von ihnen. Alles was als „weiblich“ galt, wurde in jungen Jahren direkt mit Schwäche verbunden. Jungs sind stark, Mädchen schwach. Jungs weinen nicht, Mädchen schon. Bis hin zu Farben für Jungs und Farben für Mädchen. Wenn man nun als Junge Sachen machte, die eigentlich als Mädchensachen galten, war es eine Erfahrung die immer mit Versagen, Schwäche und Ausgrenzung zu tun hatte. Du bist im Grunde alleine, denn für die Jungs verhält man sich wie ein Mädchen und für die Mädchen bist du trotzdem der Junge. Ein komisches Gefühl. 

Der heterosexuelle Mann als Idealbild der schwulen Szene 

Ich glaube, dass viele homosexuelle Männer im frühen Alter eine große Sehnsucht danach haben, zu der heterosexuellen Welt dazuzugehören. Doch sie erfahren immer wieder eine Art des Versagens, denn früher oder später werden oftmals kleine Unterschiede deutlich. Spätestens dann, wenn alle Jungs anfangen auf Mädchen abzugehen und du eben auf Jungs. Somit entsteht im Alter dann irgendwann das Gefühl, dieses Versagen ausgleichen zu müssen, denn weiblich bedeutet Ausgrenzung und männlich beutet Zugehörigkeit. Somit fühlte es sich auch immer gut an, wenn man als „hetero“ gesehen wurde, obwohl man schwul ist. Es ist diese Verbindung die das Hirn als Kind gemacht hat. Zumindest bei mir.

Die homosexuellen Männer, die dann von klein auf eben kein Problem damit haben und auch später ihre weibliche Seite ausleben, führen einem dann das vor, wofür man selbst immer fertig gemacht wurde. Sie leben die Seite aus, gegen die ich mich entschlossen habe, um eben dazuzugehören. Es ist ein hässlicher Spiegel der zeigt, dass das Bild des maskulinen schwulen Mannes eine Illusion ist, solange sie künstlich erzeugt wird. Diese Bedeutung steckt ja auch wunderbar in den beiden Wörtern drin. „Heterolike“ heißt eben „wie ein Hetero“ und Straight Acting“ ist eben „Acting“, also so tun, als ob. 

STRAIGHT ACTING – JE UNSCHWULER UMSO COOLER?

So hat sich besonders in der schwulen Szene ein Bild des heterosexuellen Mannes entwickelt, das in der Realität für beide Seiten nicht standhalten kann. Schauen wir uns doch die Clubszene an. Geworben wird mit purer Männlichkeit auf den Plakaten vieler Partys. Der maskuline Schwule hat Muskeln und ist stark! Themen wie „Sport“, „Griechische Götter“, „Handwerker“, „Polizisten“ usw. werden gerne für das Artwork dieser Partys genommen. Alles Symbole für den starken heterosexuellen Mann. Du bist zwar schwul, aber sei bitte ein richtiger Kerl und komm auf unser Event, um mit anderen richtigen Männern zu feiern. So wird es uns verkauft, auch wenn die Realität anders aussieht. So verkaufe ich es selber auf meinen Partys, weil es zieht. Anscheinend fühlen sich viele schwule Männer bei dem Gedanken mit maskulinen Schwulen zu feiern wohler, als in ein buntes Tuntenhaus zu wandern.

Das Selbe gilt auch für berühmte schwule Paaren in der Öffentlichkeit. Sie verkörpern überwiegend ein maskulines Image, wie z.B. Ricky Martin und sein Mann. Da sind diese zwei muskulösen starken Männer, mit Bart und Brusthaar. Auf ihrem Instagram-Accounts ist kein Hauch von „Weiblichkeit“ oder „tuntiger“-Attitüden zu sehen. Und dann sind da noch diese beiden Kinder, die sie gemeinsam großziehen, als wären sie Mann und Frau. Diese Paare werden gerne als repräsentatives Bild für die schwule Szene von der Szene selbst genutzt und dementsprechend gefeiert (auch hier auf meinem Blog). Während androgyne Männer wie z.B. Bill Kaulitz von Tokio Hotel oder Conchita Wurst nicht so gerne das öffentliche Bild des schwulen Mannes prägen sollen.

Solange Hetero gut ist, ist Homo schlecht

Heute weiß ich genau wo dieses Gefühl herkommt, wenn es sich gut anfühlt besonders heterosexuell zu wirken. Es steht für „Nicht anders sein, als die Anderen“ und dieses gute Gefühl verwechselt man schnell mit Diskriminierung, die mit drin steckt. Denn solange „Hetero“ so begehrt und gut ist, solange ist auch „Homo“ eben schlecht. Ich finde es aber schwierig, mit dem Finger nun auf die Szene zu zeigen und zu sagen, wir würden uns selbst gegenseitig diskriminieren. Ich denke dieser ganze Wunsch nach heterosexuellen Merkmalen hat sich mit der Zeit verselbstständigt und die Szene hat sich angepasst. Ich vergleiche so etwas ja immer gerne mit Essen. Wenn keiner die Brötchen beim Bäcker kauft, aber alle Kuchen haben wollen, muss der Bäcker eben anfangen Kuchen zu backen und das zu lernen. Und so ist es auch in der Szene.

Wenn Leute aus Gründen, die ihnen erstmal gar nicht bewusst sind, das heterosexuelle Idealisieren, dann fangen andere an sich eben heterolike zu verhalten, um eine Chance zu haben. Das ist eine Entwicklung über Jahre gewesen und die kann man heute nicht mehr stoppen. Ich definiere mich nicht mehr über heterosexuelles Benehmen und fühle mich nicht schlecht, wenn ich mich besonders „tuntig“ verhalte und bin auch nicht Stolz, wenn ich „heterolike“ wirke. Ganz im Gegenteil! Die Ironie ist doch, dass besonders die weiblichen Männer und die Dragqueens in der Öffentlichkeit für unsere Rechte gekämpft haben. Sie haben doch als optisches Bild der LGBT-Szene für alle Shitstorms herhalten müssen. Sie sind die, die auffallen und damit der Szene ein Gesicht verliehen haben. Wieso können wir das innerhalb der Szene nicht würdigen und warum hören wir nicht auf Weiblichkeit unter Männer zu diskriminiert?

Kein Mann muss sich unwohl fühlen, wenn ein anderer Mann sich in High Heels wohl fühlt. Der Punkt ist, dass du niemanden etwas tust, wenn du als Mann gerne feminin bist und deswegen musst du auch wissen, dass nicht du das Problem bist, sondern die Person, die sich durch dein Auftreten angegriffen fühlt. Wie ich an meinem Beispiel oben verdeutlicht habe, hatte es bei mir nichts mit den anderen zu tun, sondern mit mir selbst und meine Erfahrungen, die dafür gesorgt hat, dass ich Weiblichkeit an Männern mit negativen eigenen Erfahrungen verbunden habe. Es ist also immer ein Problem in der Person selbst, die sich verurteilt. Ebenso gibt es keinen Grund für „Straight Acting“, wenn du nicht „Straight“ bist. Ich bin stolz schwul zu sein und ich finde unsere LGBT-Kultur und Geschichte bemerkenswert und möchte mit keinem Hetero tauschen. Wozu soll ich dann so tun, als wäre ich einer?  

GAYS BEST GIRLFRIENDS – WIR KENNEN SIE DOCH ALLE! JETZT ANSEHEN!

Bilder: Instagram & Hollywood Tramp 

Auf Hollywood Tramp kommentiert DJ Berry E. LGBT-Themen, Lifestyle, Musik, Kultur und kreiert damit eine Mischung aus Magazin und persönlichem Blog aus der Szene, für die Szene!

Spread the love
  • 159
  •  
  •  
  •   
  •   
  •  
  •  
    159
    Shares